Herbstanfang

von Markus Lochmann

Der Sommer spät
die Menschen träge
die Hänge, Bäume, Sträucher satt
von vollreifen Früchten.

Schon fallen die ersten, gären, faulen,
Äpfel rollen den Berg hinab.

Eine kurze warme Weile noch
ehe das große Sterben beginnt.

Lichterfest

von Markus Lochmann

Menschenmassen, beobachtet.
Kein Licht.
Keine Seelenfreude.

Alltägliches, gehört.
Belangloses.
Wie immer.

Jeder in seinem Käfig, gefangen.
Ich als einziger frei.
Innerlich.

Es gibt so wenig Hoffnung
unter den Massen,
so wenig Wahrheit.

So wenig Wissen,
Wollen
und Tat.

Leere Weite,
wie eine Steppe
ohne jeden Bewuchs.

Sie sind
aber wirken nicht.
Sie leben.

Der Denkende stirbt.
Oder zieht sich zurück,
und schweigt.

Sie sind nicht reif
für Neues.
Schlimmer.

Sie verlieren
ihren
Bestand.

Diaphragma

von Markus Lochmann

seltsame Wahrnehmung heute
bei Sonnenschein und leichten Wolken
vor dem Gewitter mit dem Dauerblitzen

legte sich eine neue Ebene
zwischen mich und die Welt
wie eine Folie, wie ein Schutz

ich drang nicht mehr durch zur Welt
und sie nicht zu mir
und, oh, Wunder: ich spürte Befreiung!

Ich bin in der Welt aber nicht mehr ganz
Ich berühre Dinge aber nicht wirklich
Ich sehe, fühle und denke anders.

Es ist als ob ich bei mir wäre
nicht in mir, neben mir statt eins
Ich bin eher mit mir.

Sie atmet, diese Folie. Und dämpft zugleich
- die Schrille der Welt weicht der Einsamkeit.
Es legt sich um meine Seele
die erleichternde Bewußtwerdung der Endlichkeit

wie eine Mahnung zur Distanz,
als Aufruf zur Suche und Findung
des mir, und nur mir, Wahren,

zugleich gewinne ich Kraft
indem das Durchsickern von Gedanken
nach außen verhindert wird,
Komprimierung, Verdichtung ermöglicht.

Und ich fühle Sicherheit
durch meine neue Schicht
die mich von der Welt und ihren Menschen
wohltuend trennt.

Denn:
Die Möglichkeit, in der Welt
über die Welt zu denken,
bedarf der Trennung.

Seltsame Wahrnehmung heute,
bei Sonnenschein und leichten Wolken
vor dem Gewitter mit dem Dauerblitzen.

(22.5.2011)

Neues wagen.

von Markus Lochmann

“Throughout the centuries there were men who took first steps down new roads armed with nothing but their own vision. Their goals differed, but they all had this in common: That the step was first, the road new, the vision unborrowed, and the response they received- hatred. The great creators – the thinkers, the artists, the scientists, the inventors – stood alone against the men of their time. Every great new thought was opposed. Every great new invention was denounced. The first motor was considered foolish. The airplane was considered impossible. The power loom was considered vicious. Anesthesia was considered sinful. But the men of unborrowed vision went ahead. They fought, they suffered and they paid. But they won.”

aus The Fountainhead von Ayn Rand

Eulenflug

von Markus Lochmann

Nachts
tief in der Dunkelheit
im neuen Schnee
im hellen schwarzen Funkeln

flog, ganz plötzlich,
ein großer Vogel mir entgegen
majestätisch, lautlos
und ohne jeden Flügelschlag

angelockt durch meine Wärme
mein Menschsein
die Schwere meiner Schritte
meinen keuchenden Atem am Berg

flog ganz nah, hautnah, zu nah
an mir vorbei
zeigte in der Leere der frostigen Winternacht
seine einsame Welt der Weisen

Wenn die Dunkelheit regiert
und die Welt in der bitteren Kälte erfriert
sucht der seltene Jäger
seinesgleichen

Die Eule der Minerva,
heute Nacht
ist sie endlich geflogen.

Abstraktion

von Markus Lochmann

Ich bin

müde vom Leben
vom Sein erschöpft

habe mein Bestes gegeben
immer gehofft

Sinn zu finden
in langen Tagen

nach den letzten Dingen
unermüdlich zu fragen.

Umhergeirrt bin ich
in findigen Schriften

komplizierten Gedanken
die auseinander driften

angekommen im täglichen Nichts
enger genommen die tägliche Pflicht

Leere erzeugt
Einsamkeit.

Weite, Enge – alles eins.

Es gibt keinen Gott
hab ich verstanden

keinen Sinn
hab ich gelernt

keine Moral
hab ich erlebt

keinen Willen mehr.

Aufgelöst im
Scheitern des Ichs

wächst heran
der Mensch.

Liebe? Hass? – alles eins.

Alles habe ich gesehen
gefühlt
berührt

Nichts habe ich behalten
verstanden
erklärt

Es gibt niemanden,
keine Träume mehr.

Alles! Nichts! – alles eins.

Am Anfang das Ende
Am Ende der Anfang

Anfang, Ende – alles eins.

Alles. Alles eins.

Eins.

Leiden ist des Dichters Glück

von Markus Lochmann

Mitten in der Einsamkeit
Kommst Du wie gerufen

Plagst Dich durch die Dunkelheit
Auf zu neuen Ufern

Triffst mich mitten in der Nacht
Zu der Toten Stunde

Hast Dein kleines Licht entfacht
Welch bringt mir Deine Kunde

-

Für die kleine Ewigkeit
Werden wir vermählt

Mit großer, großer Heiterkeit
Glückstage man da zählt

Das Warten hat ein Ende nun
Fürstlich wird gespeist

Wenn wir uns zusammentun
Zum großen Lebensgeist

-

Muse, holde Liebesmagd
Hörst Du meine Seele

Quälst mich durch die Tüchtigkeit
Die ohne Dich nichts wäre

Schiebst und drückst Gedanken voll
Des armen Denkers Kopf

Der ringt um Sätze, Worte groß
Und hängt an Deinem Tropf

-

Wenn sechs die Uhr am Morgen schlägt
Nach durchwachter Nacht

Der Tag zum guten Werke lädt
Und alles schroff erwacht

Da senke ich mein müdes Haupt
In Deinen sanften Schoß

Jene, die den Schlaf geraubt
Mit ihrem Zauber groß

-

Geh nun, geh! Und schweb dahin
In Deine leisen Welten

In denen heut ich zu Gaste bin
Und sein darf eher selten…

Leiden ist des Dichters Glück
Mit Tränen muss er schaffen

Für ihn allein gibt’s kein zurück
Wie für all die Affen.

-

Wahres Hell entsteht im Dunkeln
Im faden Licht, im Kerzenschein

Wenn tausend heiße Sterne funkeln,
sich brennen in ein Herz hinein

zu großen Bildern sich verformen
verbiegen, krümmen Raum

Gedanken bilden neue Normen
Freiheit! Welch ein Traum!

-

Mit Dir allein an meiner Hand
durchschreite ich die Zeiten

Mir der mich diese Nacht verband
Mit allen ihren Weiten

Körper sein, das kannst Du nicht
Nicht in dieser Welt

Drum trägst Du auch das wahre Licht
Welches auf mich fällt

-

Unbekannte, wahre Schöne
Geist ist Dein Gesicht

Und es singen Himmelschöre
Ewig Dein Gedicht

Wenn Diesseits sich mit Jenseits paart
Entsteht die wahre Kunst

Und die ganze Menschenart
Erwacht aus finstrem Dunst.

-

Drum bring uns Glück, Du fremdes Wesen
Du Schöpfer alles Guten

Komm bald in diese Welt zurück
Denn ich muss… genesen

Erzählen was uns zwei verband
Durch alle Ewigkeit

Und endlich was ich dort verstand
Den Menschen weitergeben.

(4/2010)

Novembertage

von Markus Lochmann

Nur noch im Tod kann ich glücklich sein

Ich habe die Welt verlassen

Nur noch im Licht kann ich weiter gehn

Wenn Bilder alternd verblassen

Nur noch im Nichts kann ich auferstehn

Zu jedem alltäglichen Mühen

Nur noch im Geist kann ich Sinn ersehn

Und spüren gedankliches Blühen

Nur noch im Tod kann ich glücklich sein

Der Erde werd’ ich gehören

Nur noch im Jetzt kann ich wiedergeben

Worte, die Sie gerade berühren

Nur noch im Ich kann ich Mittler sein

Zwischen den beiden Welten

Nur noch im Sein kann ich weiter leben

Etwas bei anderen gelten

Nur noch im Tod kann ich glücklich sein

Ich habe die Menschen verlassen

Nur noch im Wort kann ich Wahrheit geben

Auch wenn viele sie hassen

Nur noch im Text kann ich wirklich leben

Lehren die Seelen der Massen

Nur noch im Tod kann ich glücklich sein

Ich habe mich selbst verlassen.

————————————————

Stuttgart, im November 2009. Eine Ver-Dichtung zur Endlichkeit der Dinge. Trübe und traurig wie der November eben ist. Ist es nicht das paradoxe Bild des vor Freude im Wind tanzenden Herbstblattes, welches gerade erst den leisen Tod in der ersten Frostnacht des Herbstes gestorben ist? Ich fühle mich wie fallendes Laub, benutzt, weggeworfen, abgestoßen, zertrampelt, leer, deplatziert. Ich tanze, nahezu willenlos, im Wind der Gesellschaft dahin. Gleichzeitig aber ist im Fallen des Blattes die Knospe des nächsten enthüllt worden; jedem Ende wohnt so, und sei es nach einer langen Kälte, ein Anfang inne. Auf einer metaphysischen Ebene scheine ich mich mit den Realitäten dieses Lebens abgefunden zu haben, bereit aufzugeben, in Neues zu schreiten. Mit dem Wunsch nach ewigem Leben als literarischer Schöpfer. “Bücher und Menschen kann man verbrennen, Gedanken nicht”, hieß es heute im Fernsehen. Wie wahr.

*bearbeitet am 11.11.09

Über die Religion

von Markus Lochmann

Was als lose Ansammlung einiger Gedanken begonnen hat, bekommt, inspiriert von Dostojevskis „Geschichten aus dem Kellerloch“, langsam die Gestalt einer Novelle. Der Erzähler ist ein von der Gesellschaft an den Rand seiner Existenz gedrückter und verkannter Philosoph, der absichtlich als Eremit lebt und laut spottend über seine Gesellschaft sinniert. In einzelnen „Sessions“ wird er große Lebensbereicht aus seiner Sicht erzählen – immer sarkastisch kommentierend und von der eigenen Lebensenttäuschung dominiert.


Aus einem prosaischen Text II
Über die Religion

So, hallo, hier bin ich wieder. Keine Sorge, ich habe mich von meinem gestrigen* geistigen Höhenflug erholt. Ich fühle mich immer noch etwas benommen vom dringenden Erforschen des eigenen Ichs. Doch ich bereue nichts.

Ein Gedanke ist mir dennoch in sonderbarer Art und Weise hängen geblieben. Der Gedanke nämlich, Gott sei menschengemacht. Ein grandioser Gedanke, beseitigt er doch so manche philosophische wie theologische Diskussion exradicitus, gleichsam mit seiner tief in unserem kulturellen Gedächtnis sitzenden Wurzel. Nietzsche hatte schlicht Unrecht – Gott ist keineswegs tot! Alle vergeblichen Gottessuchen und –beweisversuche können beendet werden! Gott ist lebendig, real, greifbar – in der von Menschen erdachten Hülle, in der vom Menschen gedachten Gestalt. Er existiert schon deshalb, weil wir ihn denken können.

Nicht minder real und wirklich sind Gottes Gebote – egal in welcher Religion sie erlassen worden sind. Doch sie sind eben nicht das Produkt eines „Überhirns“, einer fernen, geisterhaften Gestalt.

Gott ist für mich, lieber Leser, ein soziologisches, ein geschichtliches Phänomen.

Und schon höre ich sie schreien, unter den Kuppeln und Kreuzen und Sicheln und Sternen. Wie kann er nur die Autorität des Herrn anzweifeln, dieser Ketzer! Nun meine Herrn, noch nie wurde Gott von einem Menschen beleidigt, immer waren es seine menschlichen „Stellvertreter“, die ihre Machtstellungen verteidigten, indem sie den einen oder anderen Philosophen der Häresie bezichtigten. Und bei Gelegenheit schon mal auf dem Blumenmarkt verbrannten.

Die Religion ist wohl die tödlichste Idee, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat. Kein anderer Grund für Krieg, Mord, Folter und Totschlag ist so bedeutsam, wie der menschengemachte Streit um einen oder mehrere menschenerdachte Götter.

Bin ich nun ein Atheist? Beileibe, nein! Im Gegenteil. Ich schätze (gelegentlich) die Geborgenheit eines „väterlichen“ Geistes, einer vorgedachten Doppel-Moral und eines scheinheiligen Anstandes. Aber, und das unterscheidet mich signifikant von einem Propheten, denke ich das Subjekt der göttlichen Autorität als Abstraktion des Menschlichen.

Ich hoffe, sie verstehen, welche Kraft in diesem Satz liegt. Wir Menschen sind es, die den „unbewegten Erstbeweger“ (Aristoteles) erschaffen. Wir können Gott nicht nur denken (wie Thomas von Aquin es uns vormacht), sondern wir können Gott aktiv gestalten! Wir können, mit der Kraft unseres Glaubens, die Regeln setzen, nach denen Religion gelebt werden soll.

Und nein, ich merke schon, da lächeln sie wieder, die gottlosen Empiristen, ich begehe keinen naturalistischen Fehlschluss. Nirgends behaupte ich, dass aus der Existenz Gottes auch eine Wertnorm entsteht – im Gegenteil: Der Mensch allein hat es in seiner Hand, oder sollte ich sagen, in seinem Hirn, mit seiner Kreation seines Gottes auch die geltenden moralischen Sätze zu er-finden!

Und plötzlich, geradezu beiläufig, gewinnt die Menschheit zweierlei: Macht und Verantwortung. Mit meiner kleinen, einfachen These kann sich niemand mehr hinter dem Rücken eines Propheten verstecken, um mittelalterliche Gräueltaten zu begehen. Kein Papst und kein Bischof kann sich mehr aus der moralischen Verantwortung stehlen und der tödlichen Krankheit AIDS durch ein absurdes Kondomverbot Vorschub leisten.

Es gibt kein göttliches Gesetz, jedes Gesetz und jede Vorschrift ist alleiniges Produkt eines oder mehrerer Menschen. Daher kann es auch keinen Gottes-Staat geben. Weder in Rom noch sonst wo.

Was tut nun die Menschheit mit der neu erworbenen Erkenntnis? Zunächst einmal nichts. Wie üblich; Wahrheiten sind unbequem, sie tun an mancher Stelle weh. Schließlich rafft, wenn wirklich gelebt, ein kleiner Satz etliche komplette Fakultäten dahin – genauso wie die friedliche Revolution 1989 den „wissenschaftlichen“ Marxismus aus den Köpfen der Menschheit, hoffentlich für immer, radiert hat.

Wie für die Kommunisten wird auch für die Theologen ihre Stunde Null kommen – nach der sie sich in guter Nachbarschaft zu den Meinungsforschern wiederfinden werden. Mit gewissem Grinsen stelle ich mir schon die Mutter aller Sonntagsfragen vor: An welchen Gott glauben sie, wenn am nächsten Sonntag… ah, sie haben verstanden, gut.

Aber Spaß beiseite. Wenn die Menschheit begriffen hat, dass ihre fundamentale Konfliktursache nur ein Wettstreit der Ideen ist, dann kann sie auch beginnen, ihre Konflikte zu lösen. Wenn wir verstehen, dass wir alle unter göttlichen Scheinbildern wandeln, dann eröffnet sich erstmals in der Geschichte die Chance, dass die Menschen sich gegenseitig auf das Gemeinsame verständigen. Und das ohne Gesichtsverlust, denn: Jeder für sich kann stolz auf seinen Glauben sein. Über diesem liegt aber die Ebene der Menschlichkeit.

Oh, mein Gott! (welch schönes Wortspiel…) So wird aus dem Misanthropen noch ein Humanist. Ein gewisser Erasmus im fernen Rotterdam hätte seine helle Freude daran.

Wir Menschen haben nicht nur die Freiheit, Dinge zu denken, zu schaffen, zu formen, ja geradezu zu modellieren – wir haben auch die Verantwortung zu tragen, die sich aus der Ausübung dieser Freiheiten ergibt. Wir tragen ein schweres Erbe daran, dass über Jahrtausende Menschen im Namen Gottes gequält, gefoltert und getötet wurden. Nie war es Wille Gottes dieses zu tun – immer war das System Mensch der Täter, der seine Religion zu solch scheußlichem Zweck missbrauchte. Und immer ging es letztendlich um die Macht eines Menschen über einen oder viele andere.

In einem neuen Zeitalter müssen sich die Menschen auf gemeinsame, verbindliche Regeln für alle einigen – und dazu gibt es nur den Weg des abstrakten Rechts. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Natürlich stellt sich der geneigte Leser an dieser Stelle (zu Recht) die Frage, warum denn die Menschheit überhaupt ein Konstrukt „Gott“ erfunden haben soll.

Hören Sie, ich bin nur ein armer, von den Menschen missachteter Außenseiter. Woher also sollte ich das wissen? Kann man denn die Alten Griechen befragen, warum sie das Pantheon erschaffen haben? Natürlich nicht. Also muss ich mich an dieser Stelle dem altbekannten wissenschaftlichen Mittel der Spekulation bedienen. Köstlich, nicht wahr? Schließlich ist auch der heute angesagte Klimawandel nichts weiter, genauso die Vorhersage des nächsten Wahlergebnisses. Und ja, sogar in der Philosophie wurde dank des alten Hegels zeitweise wild spekuliert. Dies ist also eine durchaus legitime geistige Übung.

Ich glaube, die Menschheit hat bislang nicht die Fähigkeit besessen, die Ansammlung von vielen Willen und Vorstellungen zu betrachten. Uns fehlte schlicht die technische und kulturelle Methodik, um die Formung von moralischen Sätzen zu untersuchen. So wurde das Subjekt „Gott“ zum Ausdruck des aggregierten Willens der Menschen, genauer gesagt dem Teil der Menschen, die bereit waren, einen Teil ihres eigenen Willens an diesen „Gott“ abzugeben. Gott „befielt“ also, was die Masse will.

Zum anderen hat Religion einen narrativen, also erzählerischen, Bildungsauftrag. Nicht ohne Grund waren die ersten modernen Schulen in religiöser Trägerschaft. Gott diente und dient als abstraktes moralisches Vorbild und seine Gebote, ist letztendlich Ausdruck von Moralvorstellungen vorangegangener Generationen. Er dient also quasi als Lehrplan in weniger entwickelten und nicht aufgeklärten Gesellschaften.

Und drittens dient Gott der Möglichkeit zur Unterwerfung. Unterwerfung wiederum ist Aufgabe von Freiheit und Verantwortung zugunsten von gesellschaftlicher Vereinfachung. Denke nicht, gehorche! Schallte es lange Zeit auch in deutschen Landen. Und wer kennt es nicht, das Motto „ora et labora“. Bete und arbeite, und schalte dabei dein Hirn ab. Religion ist ein probates Mittel, um willfähriges Kanonenfutter oder eifrige Talersammler zu züchten.

Auch der Fatalismus, frei nach dem Motto: „Der Herr gibt’s, der Herr nimmt’s“ hat seine Wurzel in der gleichen gedanklichen Ecke: Der einzelne verzichtet auf seine Gestaltungsmöglichkeit zugunsten einer höheren Autorität mit der Aussicht auf kulturelle Erleichterung bei der Bewältigung seiner profanen Lebensumstände.

Also hatte für mich „Gott“ in früheren Kulturstadien mindestens drei wichtige Funktionen: Er diente als Sammelbecken für einen kollektiv anders nicht artikulierbaren Willen, durch ihn wurde der einzelne „recht“ sozialisiert, durch Unterwerfung konnte man seine Verantwortung abgeben und sein Leben vereinfachen.

Welch verlockendes Angebot! Zumal für die meisten Menschen bis heute das Denken eine anstrengende und lästige Pflichtübung ist. Wir in der westlichen Welt haben den Faktor Unterwerfung an den Sozialstaat abgegeben, die Sozialisation an das staatliche Bildungswesen und die Willensbildung an die Demoskopen. Dadurch ist auch das Konzept „Gott“ deutlich weniger gefragt.

Ja, ja sie haben ja Recht! Nun warten sie doch. Natürlich habe ich die spirituelle, seelische Ebene nicht absichtlich weggelassen. Denn sie ist das einzige, was uns vom ursprünglichen Konzept „Gott“ noch geblieben ist. Es gibt in der Existenz des Menschen dieses Quäntchen Unbekanntes, diese Sehnsucht nach Ewigkeit und spiritueller Gemeinschaft, welches keine der modernen Gesellschafts-Systeme abdecken kann.

Darum erfinden wir heutzutage einen „Wohlfühl-Gott“. Unter dem Prädikat der christlichen Nächstenliebe werden soziale Dienstleistungen erbracht, die auch ein kommerzieller Unternehmer anbieten könnte und in manchen Ländern auch tut. Gesellschaftliche Anerkennungsleistungen wie Schulabschlüsse und Hochzeiten werden mit pseudo-religiösem Rahmen geschmückt. So gebrauchen wir das Konzept „Gott“ dort, wo es andere Funktionsebenen der Gesellschaft nicht leisten können.

Ich wünschte mir, die Menschen würden mehr aus ihren Göttern machen. Wenn wir schon die Freiheit haben, uns den Gott so zu Gestalten, wie wir es wollen – wo bleibt da der Gott des Weltfriedens? Der Gott des Ausgleichs zwischen arm und reich? Der Gott der Gerechtigkeit? Der Gott der Teilhabe? Der Gott der Gnade? Der Gott des Mitleids und des Erbarmens? Wir zünden Kerzen an und singen Lieder. Anstatt dessen sollten wir einen globalen Gott der Humanität errichten. Der Mensch ist nun mal das Maß aller Dinge.

Wir können immer mehr Bereiche aus dem ursprünglichen, allumfassenden Gottesbild heraustrennen und an andere gesellschaftliche Subsysteme abgeben – wer weiß, vielleicht schälen wir dadurch ja das Innerste des wahrlich Religiösen hervor. Auch wenn es Reflexion unseres Denkens und Fühlens sein mag – es birgt das Potenzial einer echten Erneuerung. Indem wir das blinde Anbeten toter Texte ablegen und Gott als lebendige Idee verstehen, können wir uns auf das Wahre, Gute und Schöne im Glauben konzentrieren.

Wo Luther noch davon schwärmte, dass jeder über seinen Gott lernen konnte, gehe ich einen Schritt weiter und fordere jeden auf, sich seinen Gott selbst zu erschaffen! Natürlich werden die etablierten Größen der Glaubensindustrie mit Spott und Häme nach mir werfen – an den Tatsachen ändert es dennoch nichts.

Vielleicht steht die Menschheit ja an der Schwelle einer neuen Bewusstwerdung – des Entdeckens der seelischen Kraft als Trägerin von moralischen Normen. Wie es der amerikanische Präsident es formulierte – jeder Mensch möchte frei leben, gerecht leben und wählen können, für sich und seine Nächsten.

Mit dem Bewusstsein, einem Glauben anzugehören, dessen Fundament wir selbst erdacht haben, geht ein Leben in ganz anderer Verantwortung einher. Und jeder einzelne Mensch kann dem großen Ganzen dienen – der Humanität.

* siehe den Beitrag „Ein Samstagmorgen“

Ein Samstagmorgen

von Markus Lochmann

Ausschnitt aus einem prosaischen Text.

Ein Samstagmorgen

Ich liege auf der Couch, die Nacht durchwacht, wie so oft in den letzten Tagen. Es Gewittert. Ein verregneter Sommer, bislang. Leere füllt mich, gleichzeitig ein sanftes Brennen im Bauch; ein leise stechender Schmerz in der Brust erinnert an die ständig schlummernde Angst, die seit nunmehr sieben Jahren mein ständiger Begleiter ist. Zum Glück bin ich von den Anfällen verschont geblieben, auch nachdem ich die ständig den Verstand zermürbenden Arzneien eigenmächtig abgesetzt habe. Ich habe beschlossen, lieber leidend zu leben, als betäubt und halbtot vor mich hin zu dämmern. Ein Beschluss, der mit Schmerzen verbunden ist; mit brennenden Händen, Füßen, mit Schweißausbrüchen und Alpträumen. Vielleicht sogar mit einem Schwindelanfall ab und an.

Ich habe Voltaire gelesen heute, über Religion und Wahnsinn. Ein aktuelles Thema, schließlich geht eine der Weltreligionen seit Jahren an, die halbe Welt zu unterdrücken. Und so schießen sie auch heute unschuldige Menschen im Namen ihres barmherzigen Gottes nieder. Oh, was für ein Gott, der seine Gläubigen so verführt. Nein danke, das hatten wir hierzulande auch schon mal.

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich über einen permanenten Verlust erzählen, den ich seit mehreren Jahren verspüre. Es kommt mir so vor, als wäre ich einen Weg gegangen, einen weiten, steinigen Weg, nur um festzustellen, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin. Nein, bitte verstehen sie mich nicht falsch, es geht hier nicht um Beruf oder Diplom; es geht auch mit um die rein biologische Selbsterhaltung – all dieses scheint erfüllbar und, äußerlich zumindest, recht ordentlich zu sein.

Mir geht es um das innere Sein. Wenn man, und ich danke meinem Herrgott dafür, mit zwanzig das erlebt hat, was viele im ganzen Leben nicht; wenn man dann mit dreißig daraus seine Schlüsse gezogen und das Notwendige gelernt hat; wenn das komplette System, indem man lebt, in all seinen Größen und Tiefen bekannt; wenn das Thema klar und die Variationen endlich geworden sind; wenn sich jeder Gedankenfetzen nur noch in einer sich immer und immer wiederholenden Endlosschleife wiederfindet – was bleibt dann noch für den Rest des Lebens übrig?

Na gut, Sie meinen, er maßt sich an, alles zu wissen, alles gesehen, gehört, geschmeckt oder gefühlt zu haben. Nein, das habe ich nicht. Darum geht es auch gar nicht. Ich habe aber genug gesehen, gehört, gefühlt, gedacht und verstanden um das Muster des Ganzen zu erkennen. Jeder Denkprozess, jede Empfindung, die mir jetzt und in Zukunft widerfährt, wird diesem Muster folgen. Das macht jede Empfindung prognostizierbar. Und langweilig, gar uninteressant.

Beginnen wir also mit den Äußerlichkeiten. Kälte, Hitze, Tropen, Wüste, Schnee und Eis. Alles schon da gewesen. Es gibt keinen Ort auf dieser Erde, in den ich mich nicht hinein versetzen könnte. Für jedes Klima gibt es eine Kategorie in meinem Kopf, für jeden Kontinent. Dasselbe gilt für die Nahrung. Was andere essen, esse ich auch. Wo ist das Drama? Für mich gibt es keinen Gott, der mir vorschreibt, was ich zu essen habe. Ich habe in den Tropen geschwitzt und am Polarkreis gefroren. Und wissen Sie was? So weit hätte ich gar nicht fahren müssen. Im Winter friert es sich hierzulande genauso gut.

Gehen wir weiter zur Ästhetik. Ja, was für Irrungen und Wirrungen der verrücktesten Moden hat man da schon gesehen. Mal war die Farbe rot, dann gelb, grün oder türkis blau. Irgendwann hat man sie alle durch und der ganze Blödsinn beginnt von vorne. Was soll’s? Oder mit der Architektur. Gewiss, es gibt ganz großartige Gebäude auf dieser Erde. Doch nach fünfzig, nach hundert, nach jedem Stil und jeder Epoche, nach begierigem Bereisen von Kulturhauptstädten, was kommt da noch? Richtig. Immer und immer wieder dasselbe. Der nächste Bogen, die nächste Fassade. Stein, Glas, Eisen. Alles vergänglich.

Wissen Sie, Ästhetik und Schönheit waren mir früher immer sehr wichtig. Anfangs bewunderte ich das Glänzende, dann das Makellose. Bis ich verstand, dass Makellosigkeit immer nur der Anfangspunkt für den natürlichen Verfall aller Dinge ist und dass der wahren Schönheit immer einiger Makel vorangeht.

Damit, lieber Leser, war aber ein Grundpfeiler meines Denkens erschüttert; denn schließlich gilt Makellosigkeit in unserer Gesellschaft als Ziel, also als Ende eines Prozesses und nicht als dessen Anfang. Immer und immer wieder war ich bemüht, Fehlerfreiheit und Makellosigkeit zu produzieren. Dafür wird man schließlich in der Gesellschaft belohnt und gewürdigt. Doch als ich begriff, dass Fehlerfreiheit nur der Anfang eines ästhetischen Prozesses war, ging der Charme des Perfekten endgültig für mich verloren.

Das oben Gesagte gilt, übrigens, für Menschen gleichermaßen. Und damit war dann auch der Traum vom perfekten Menschen dahin. Es dauerte noch einige Jahre von der Erkenntnis, die sich eher schleichend in meinem Bewusstsein verbreitete, bis zum Durchdringen derselben in das tatsächlich gelebte Leben. Doch die Göttin, die Aphrodite, die als Wunschvorstellung des jungen Mannes, besungen in tausenden Liedern und verherrlicht in hunderten Bildern, mein sexuell erregtes Gemüt über Jahre bestimmt hatte (und, heute bedauere ich es beinah,  tatsächlich ein einziges Mal real wurde), sie gab es nicht mehr. Die Menschen erschienen mir plötzlich seltsam demaskiert. Und was ich sah, war ein Fratze. Seitdem halte ich nicht mehr viel vom rein ästhetischen Menschen.

Also suchte ich im Geiste nach. Oder, anders formuliert, ich suchte nach einem ästhetischen Geist im Menschen. Nun, leider benutzen nicht viele Menschen ihren Geist, sofern sie denn einen haben, und ästhetisch leider schon gar nicht. So merkte ich schnell die einfachen Wiederholungen in den Geschichten der anderen – der eine hoffte und wünschte ganz wenig, der andere materiell eher ganz viel. Der gedanklichen Basis waren sie einerlei; einfach, primitiv, hässlich und, meistens, schlecht. Die meisten meiner Zeitgenossen verstehen sich nur auf eines: Geld. Gier ist die treibende Kraft in unserem Gemeinwesen; Gier nach Gütern; Gier nach Beherrschung und Gier nach Anerkennung.

Die große Leistung der Kultur ist, dass sie die wenigen ästhetischen Menschen, besser gesagt ihre Gedanken, für die Nachwelt konserviert. So fing ich an, die alten Autoren zu studieren. Ich habe schon immer viel gelesen, doch früher war das Lesen für mich nur eine weitere Form von Konsum. Ich wollte unterhalten werden, ich wollte gebildet werden, ich wollte belehrt werden. So konsumierte ich Text für Text, Geschichte für Geschichte, Gedanken für Gedanken; verschlang tausende von Seiten und Dutzende von Autoren, immer auf der Suche nach einer neuen Idee.

Irgendwann, ich glaube es war schon nach meinem Zusammenbruch – ach, Verzeihung, das habe ich noch gar nicht erzählt: Während meinen Bemühungen, sowohl perfekt zu sein, als auch ästhetisch und noch lehrreich dazu, habe ich einen Kollaps erlebt, einen totalen Zusammenbruch des Systems Mensch. Ich hatte Glück und kam von dort zurück, doch einiges in der Wahrnehmung der Welt hatte sich schlagartig verändert. Ich hatte das Absolute gesehen, gehört, gefühlt und gerochen. Alles. Doch dazu später mehr.

Also, irgendwann begann ich, auch in den Geschichten und in den Denkmodellen der Autoren, die ich las, das Muster der Gedankengänge zu entdecken. Plötzlich gab es auch hier nur noch ein Thema – das Denken an sich – und alles Folgende war dessen Variation.

Da gab es die Analysten, da wurden Sachzusammenhänge in kleine Einheiten zerteilt und wieder zusammengefügt – da gab es die Datensammler, die verzweifelt alles sammelten und durch Rechner jagten, nur um die Bestätigung der Realität als Wahrscheinlichkeitsaussagen und mathematische Formeln wiederzufinden, erfolglos meistens. Da gab es die Buchhalter, die mit ihren Nickelbrillen die ganze Welt nur als Kosten verstanden. Da gab es die Geschichtenerzähler, mit ihrem immer selben Appell an unsere niederen Gefühle – Gefühle der Gerechtigkeit, der Angst, der Zuneigung oder des Hasses. Und, da gab es die wenigen Autoren, die mir am meisten gefielen: Diejenigen wenigen, die es vermochten, eine ganze Welt zu errichten.

Autoren, die Welten bauen, wie Dante in seiner Commedia oder Goethe im Faust. Beschreibungen von ganzen Gesellschaften wie Ayn Rand in Atlas Shrugged. Wie Thomas More in seiner Utopia. Oder George Orwell in 1984 oder gar Aldous Huxley in seiner Brave New World. Ich wilderte in diesen Gedankenwelten, malte sie mir mit farbigen geistigen Bildern aus, schmückte sie mit Erfahrung, Gefühl und Emotion. Manche waren beängstigend, andere Traumhaft. Vorstellbar waren sie allemal und in meinen geistigen Bildern lebendig real.

Irgendwann lies die Spannung dann nach. Ich empfand es mit der Zeit immer schwieriger und schwieriger, mich vorbehaltlos in die Gedankenwelten anderer hinein zu versetzen. Ich entdeckte immer wieder Unstimmigkeiten; Details oder ganze Konzeptionen passten nicht mehr. Ich bin mir nicht sicher, ob dies nun an der Tatsache der vermehrten Vergleichsmöglichkeiten oder an der wachsenden Unlust, Vorgedachtes zu denken lag – irgendwann war der Punkt erreicht, an dem die Ähnlichkeit der Konzeption der jeweiligen Utopie mit einer anderen die eigentliche Ausführung derselben überlagerte. Sie können sich das etwa so vorstellen, dass ein Maler das Bild eines anderen Malers nur auf die Güte seiner Pinselstriche begutachtet und dabei eventuell das meisterhafte Motiv gar nicht mehr erkennt.

Ich war inmitten der Erforschung der Utopien zur Grundlage zur Entwicklung meiner eigenen Utopie, denn das hatte ich mir inzwischen zum Ziel gesetzt, als ich die Endlichkeit des Denkens verstanden hatte.

Eigentlich überraschte mich zunächst die Endlichkeit des Seins in Form des Todes, der, völlig unvorhergesehen, plötzlich Menschen dahinraffte, die mitten im Leben standen. Es waren nicht einmal Menschen, die mir besonders nahe gestanden hätten – ich nahm nur eine seltsame Häufung von Todesfällen wahr, die jeder auf seine Art eine ganze Welt mit sich in den Abgrund zog. Da war die Schauspielerin, die es vermocht hatte, mit ihrer Schönheit immer wieder die Illusion der ewigen Jugend zu erzeugen, da war der junge Politiker, der als aufgehender Stern am Himmel der Machtelite gefeiert wurde, da war der erfolgreichste Popstar aller Zeiten – plötzlich weg. Einfach so, Geschichte, von jetzt auf gleich. Alles Mühen, alles Schaffen, alles Fürchten, Hoffen und Bangen: im Angesicht des Todes verlieren wir nicht nur die vermeintlich sichere Basis unseres alltäglichen Lebens, nein, wenn wir den Bruch des Alltäglichen durch den Todesfall wirklich zum Nachdenken nutzen, sehen wir darin auch die Relativität unseres Tuns und die Lächerlichkeit unseres Handelns.

Die Frage, die sich plötzlich in mir aufdrängte, war die Frage des Sinns des Seins im Angesicht des vernichtet Werdens. Bitte verstehen sie mich nicht falsch, ich stellte mir keinesfalls die Frage nach dem Sinn des Lebens – der war für mich klar. Ganz schlicht und darwinistisch: Friss oder stirb, vermehre deine Art in deiner Nische so gut du kannst. Nicht mehr und nicht weniger. Das biologische Leben an sich kennt weder Ästhetik noch Moral.

Wie, sie verstehen mich nicht? Nun gut, lassen sie mich ein Beispiel machen. Stellen sie sich ein Feld mit Blumen vor. Diese Blumen werden umso besser befruchtet, je größer sie sind. Sie verbreiten ihren Samen mit dem Wind und je größer die Blume, desto weiter fliegt der Samen – ergo desto weiter verbreitet sich die Art. Nun, in diesem Feld steht die größte, schönste und erfolgreichste Blume, die ihren Samen am weitesten verbreiten kann. Jetzt liegt das Feld an einem Berghang und der Wind weht regelmäßig vom Meer den Hang hinauf. Also fliegt der Samen der erfolgreichsten Blume am höchsten den Berg hinauf. Und erfriert im nächsten Winter. Da ist weder Ästhetik, noch Moral.

Ich sehe, sie verstehen, was ich meine.

Das Sein an sich ist aber mehr als das biologische Existieren. Bloße Existenz setzt keine Reflexion voraus. Das Betrachten des eigenen Seins jedoch schon. Unsere natürliche, körperliche Existenz mit ihren primitiven Anforderungen an die Umwelt, mit unseren einfachen Bedürfnissen nach Nahrung, Kleidung, Wärme oder sozialem Umgang und somit Artvermehrung bedarf noch keiner tiefer gehenden gedanklichen Auseinandersetzung mit sich selbst. Die meisten Menschen leben bewusst in diesem Dämmerzustand. Und sie sterben darin und hören auf zu existieren, wie eine Pflanze oder ein Tier. Erst dann, wenn wir anfangen, das eigene Sein von der puren Existenz zu lösen, werden wir zu mehr. Erst dann entwickeln wir echte Ästhetik, Moral, Gesetz oder Staat. Ja, sogar die Existenz der Religionen und somit die Existenz Gottes in unseren Köpfen ist eine Folge des Nachdenkens über uns selbst. Wir haben Gott erfunden. Nicht er uns. Unser Begriff “Gott” ist nichts anderes als eine Beschreibung eines Prinzips.

Das Nachdenken über die eigene Existenz führt zum Begriff des Seins. Und das Nachdenken über den Begriff des Seins führt in die abstrakten Regeln des Seins. Und daran, lieber Leser, habe ich meine liebe Mühe gefunden. Ich möchte nicht nur existieren, biologisch, instinktiv. Ich möchte auch nicht nur mit den anderen denken, konkurrieren um materielle Güter oder gesellschaftliche Anerkennung. Ich möchte auch keine Spezielle These entwickeln, keine Formel finden, keine analytische Beschreibung eines Realitätsausschnittes liefern. Ich will, nachdem es machbar erscheint, die Funktion der Abstraktion des menschlichen Denkens erforschen. Und dann, ja dann, eine Welt konstruieren. Ein Modell. Eine Utopie. Gespeist nicht durch dieselben Impulse wie in all den Jahrhunderten zuvor, den Impulsen von Macht und Unterdrückung. Nicht Gier soll Grundlage meines Weltbildes sein, sondern das göttliche Prinzip, welches uns Menschen geschenkt worden ist. Ein Prinzip, von dem wir wenig bis gar nichts verstehen, bislang. Von dem wir lange ahnen, dass es in uns liegt, von dem wir wissen, dass es existiert, welches, selten, aber immerhin in der Geschichte der Menschheit an der ein oder anderen Stelle zutage tritt.

Ich meine nicht die Seele der kirchlichen Lehre. Ich meine auch nicht die Vernunft der Rationalisten. Ich meine die Fähigkeit, in Meta-Ebenen denken zu können. Eine Fähigkeit, die uns immer wieder in der Gestalt von sehr außerordentlichen Menschen begegnet, Menschen, die durch ihr Denken die Welt verändert haben und die Menschheit zu dem machen, was sie auf dem Höhepunkt ihrer kulturellen Blüte sein kann: gut.

Das ist mein großes Projekt. Zum ersten Mal habe ich es in dieser Deutlichkeit beschrieben und manchmal bezweifle ich, ob ich jemals die Kraft haben werde, dieses Projekt auch nur annäherungsweise zu einem Ergebnis zu bringen. Zu viel Kraft kosten die Schmerzen der Wunden der Erfahrung. Aber ohne diese Wunden und Narben, körperlich wie seelisch, wäre ich wohl nie so weit gekommen, an einem Samstagmorgen diesen Text zu verfassen.

Aus dem Schmerz in meiner Brust erwächst eine gigantische Leere. Es ist, als ob ich mein gesamtes bisheriges Leben, mein ganzes Wissen, meine ganze Erfahrung hinter mir gelassen hätte und nun auf eine riesige, leere Fläche, ähnlich einem stillen Ozean blickte. Hinter mir all die Erinnerungen, das Lebendige, und vor mir das Nichts. Das Nichts, in dem sich die Wahrheit der Dinge verbirgt. „Nihil est omnia“ sagt Luther. Genau so fühle ich auch. Ich fühle, höre in dieses Nichts hinein, wie ich sonst in die Denkwelten anderer Menschen hinein höre. Doch dort, wo in den Gedanken der Menschen rege Energie fließt, wo gerungen und gewonnen, wo gefeiert und verloren, wo geliebt und gehasst wird, ist in dieser Leere – nichts. Noch habe ich anscheinend nicht die richtige Wellenlänge gefunden, um die Schwingungen aus der riesigen Leere empfangen zu können. Noch erhalte ich keine Information aus dieser seltsamen Form des Seins.

Deshalb stehe ich etwas ratlos vor meiner Erkenntnis und warte auf eine Botschaft aus der Tiefe, aus dem schlummerndem Teil meines Gedächtnisses, in vollem Bewusstsein der Einzigartigkeit und nicht Überprüfbarkeit des Empfundenen. Tun sie es ruhig als Hirngespinst eines armen Irren ab – das taten die Menschen mit ihren Denkenden seit jeher und tun es auch heute noch, wie ich an eigenem Leibe oft genug erfahren habe in dieser ach so „toleranten“ Gesellschaft. Entschuldigen Sie bitte, aber ich musste kurz fröstelnd lachen, danke.

Nein, ich werde ihnen den Gefallen nicht tun und endlos im Stadium des Nietzscheschen Nihilisten verharren. Das wäre erstens nur Repetition und zweitens viel zu einfach. Und nun, ach du schöner Augenblick, verweile doch… aber nein, ich gehe mir nur eine Tasse Kaffee holen. An diesem Samstagmorgen.

—————————————-

inspiriert von Dostojewskijs “Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, im Sommer 2009