Über die Religion

Was als lose Ansammlung einiger Gedanken begonnen hat, bekommt, inspiriert von Dostojevskis „Geschichten aus dem Kellerloch“, langsam die Gestalt einer Novelle. Der Erzähler ist ein von der Gesellschaft an den Rand seiner Existenz gedrückter und verkannter Philosoph, der absichtlich als Eremit lebt und laut spottend über seine Gesellschaft sinniert. In einzelnen „Sessions“ wird er große Lebensbereicht aus seiner Sicht erzählen – immer sarkastisch kommentierend und von der eigenen Lebensenttäuschung dominiert.


Aus einem prosaischen Text II
Über die Religion

So, hallo, hier bin ich wieder. Keine Sorge, ich habe mich von meinem gestrigen* geistigen Höhenflug erholt. Ich fühle mich immer noch etwas benommen vom dringenden Erforschen des eigenen Ichs. Doch ich bereue nichts.

Ein Gedanke ist mir dennoch in sonderbarer Art und Weise hängen geblieben. Der Gedanke nämlich, Gott sei menschengemacht. Ein grandioser Gedanke, beseitigt er doch so manche philosophische wie theologische Diskussion exradicitus, gleichsam mit seiner tief in unserem kulturellen Gedächtnis sitzenden Wurzel. Nietzsche hatte schlicht Unrecht – Gott ist keineswegs tot! Alle vergeblichen Gottessuchen und –beweisversuche können beendet werden! Gott ist lebendig, real, greifbar – in der von Menschen erdachten Hülle, in der vom Menschen gedachten Gestalt. Er existiert schon deshalb, weil wir ihn denken können.

Nicht minder real und wirklich sind Gottes Gebote – egal in welcher Religion sie erlassen worden sind. Doch sie sind eben nicht das Produkt eines „Überhirns“, einer fernen, geisterhaften Gestalt.

Gott ist für mich, lieber Leser, ein soziologisches, ein geschichtliches Phänomen.

Und schon höre ich sie schreien, unter den Kuppeln und Kreuzen und Sicheln und Sternen. Wie kann er nur die Autorität des Herrn anzweifeln, dieser Ketzer! Nun meine Herrn, noch nie wurde Gott von einem Menschen beleidigt, immer waren es seine menschlichen „Stellvertreter“, die ihre Machtstellungen verteidigten, indem sie den einen oder anderen Philosophen der Häresie bezichtigten. Und bei Gelegenheit schon mal auf dem Blumenmarkt verbrannten.

Die Religion ist wohl die tödlichste Idee, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat. Kein anderer Grund für Krieg, Mord, Folter und Totschlag ist so bedeutsam, wie der menschengemachte Streit um einen oder mehrere menschenerdachte Götter.

Bin ich nun ein Atheist? Beileibe, nein! Im Gegenteil. Ich schätze (gelegentlich) die Geborgenheit eines „väterlichen“ Geistes, einer vorgedachten Doppel-Moral und eines scheinheiligen Anstandes. Aber, und das unterscheidet mich signifikant von einem Propheten, denke ich das Subjekt der göttlichen Autorität als Abstraktion des Menschlichen.

Ich hoffe, sie verstehen, welche Kraft in diesem Satz liegt. Wir Menschen sind es, die den „unbewegten Erstbeweger“ (Aristoteles) erschaffen. Wir können Gott nicht nur denken (wie Thomas von Aquin es uns vormacht), sondern wir können Gott aktiv gestalten! Wir können, mit der Kraft unseres Glaubens, die Regeln setzen, nach denen Religion gelebt werden soll.

Und nein, ich merke schon, da lächeln sie wieder, die gottlosen Empiristen, ich begehe keinen naturalistischen Fehlschluss. Nirgends behaupte ich, dass aus der Existenz Gottes auch eine Wertnorm entsteht – im Gegenteil: Der Mensch allein hat es in seiner Hand, oder sollte ich sagen, in seinem Hirn, mit seiner Kreation seines Gottes auch die geltenden moralischen Sätze zu er-finden!

Und plötzlich, geradezu beiläufig, gewinnt die Menschheit zweierlei: Macht und Verantwortung. Mit meiner kleinen, einfachen These kann sich niemand mehr hinter dem Rücken eines Propheten verstecken, um mittelalterliche Gräueltaten zu begehen. Kein Papst und kein Bischof kann sich mehr aus der moralischen Verantwortung stehlen und der tödlichen Krankheit AIDS durch ein absurdes Kondomverbot Vorschub leisten.

Es gibt kein göttliches Gesetz, jedes Gesetz und jede Vorschrift ist alleiniges Produkt eines oder mehrerer Menschen. Daher kann es auch keinen Gottes-Staat geben. Weder in Rom noch sonst wo.

Was tut nun die Menschheit mit der neu erworbenen Erkenntnis? Zunächst einmal nichts. Wie üblich; Wahrheiten sind unbequem, sie tun an mancher Stelle weh. Schließlich rafft, wenn wirklich gelebt, ein kleiner Satz etliche komplette Fakultäten dahin – genauso wie die friedliche Revolution 1989 den „wissenschaftlichen“ Marxismus aus den Köpfen der Menschheit, hoffentlich für immer, radiert hat.

Wie für die Kommunisten wird auch für die Theologen ihre Stunde Null kommen – nach der sie sich in guter Nachbarschaft zu den Meinungsforschern wiederfinden werden. Mit gewissem Grinsen stelle ich mir schon die Mutter aller Sonntagsfragen vor: An welchen Gott glauben sie, wenn am nächsten Sonntag… ah, sie haben verstanden, gut.

Aber Spaß beiseite. Wenn die Menschheit begriffen hat, dass ihre fundamentale Konfliktursache nur ein Wettstreit der Ideen ist, dann kann sie auch beginnen, ihre Konflikte zu lösen. Wenn wir verstehen, dass wir alle unter göttlichen Scheinbildern wandeln, dann eröffnet sich erstmals in der Geschichte die Chance, dass die Menschen sich gegenseitig auf das Gemeinsame verständigen. Und das ohne Gesichtsverlust, denn: Jeder für sich kann stolz auf seinen Glauben sein. Über diesem liegt aber die Ebene der Menschlichkeit.

Oh, mein Gott! (welch schönes Wortspiel…) So wird aus dem Misanthropen noch ein Humanist. Ein gewisser Erasmus im fernen Rotterdam hätte seine helle Freude daran.

Wir Menschen haben nicht nur die Freiheit, Dinge zu denken, zu schaffen, zu formen, ja geradezu zu modellieren – wir haben auch die Verantwortung zu tragen, die sich aus der Ausübung dieser Freiheiten ergibt. Wir tragen ein schweres Erbe daran, dass über Jahrtausende Menschen im Namen Gottes gequält, gefoltert und getötet wurden. Nie war es Wille Gottes dieses zu tun – immer war das System Mensch der Täter, der seine Religion zu solch scheußlichem Zweck missbrauchte. Und immer ging es letztendlich um die Macht eines Menschen über einen oder viele andere.

In einem neuen Zeitalter müssen sich die Menschen auf gemeinsame, verbindliche Regeln für alle einigen – und dazu gibt es nur den Weg des abstrakten Rechts. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Natürlich stellt sich der geneigte Leser an dieser Stelle (zu Recht) die Frage, warum denn die Menschheit überhaupt ein Konstrukt „Gott“ erfunden haben soll.

Hören Sie, ich bin nur ein armer, von den Menschen missachteter Außenseiter. Woher also sollte ich das wissen? Kann man denn die Alten Griechen befragen, warum sie das Pantheon erschaffen haben? Natürlich nicht. Also muss ich mich an dieser Stelle dem altbekannten wissenschaftlichen Mittel der Spekulation bedienen. Köstlich, nicht wahr? Schließlich ist auch der heute angesagte Klimawandel nichts weiter, genauso die Vorhersage des nächsten Wahlergebnisses. Und ja, sogar in der Philosophie wurde dank des alten Hegels zeitweise wild spekuliert. Dies ist also eine durchaus legitime geistige Übung.

Ich glaube, die Menschheit hat bislang nicht die Fähigkeit besessen, die Ansammlung von vielen Willen und Vorstellungen zu betrachten. Uns fehlte schlicht die technische und kulturelle Methodik, um die Formung von moralischen Sätzen zu untersuchen. So wurde das Subjekt „Gott“ zum Ausdruck des aggregierten Willens der Menschen, genauer gesagt dem Teil der Menschen, die bereit waren, einen Teil ihres eigenen Willens an diesen „Gott“ abzugeben. Gott „befielt“ also, was die Masse will.

Zum anderen hat Religion einen narrativen, also erzählerischen, Bildungsauftrag. Nicht ohne Grund waren die ersten modernen Schulen in religiöser Trägerschaft. Gott diente und dient als abstraktes moralisches Vorbild und seine Gebote, ist letztendlich Ausdruck von Moralvorstellungen vorangegangener Generationen. Er dient also quasi als Lehrplan in weniger entwickelten und nicht aufgeklärten Gesellschaften.

Und drittens dient Gott der Möglichkeit zur Unterwerfung. Unterwerfung wiederum ist Aufgabe von Freiheit und Verantwortung zugunsten von gesellschaftlicher Vereinfachung. Denke nicht, gehorche! Schallte es lange Zeit auch in deutschen Landen. Und wer kennt es nicht, das Motto „ora et labora“. Bete und arbeite, und schalte dabei dein Hirn ab. Religion ist ein probates Mittel, um willfähriges Kanonenfutter oder eifrige Talersammler zu züchten.

Auch der Fatalismus, frei nach dem Motto: „Der Herr gibt’s, der Herr nimmt’s“ hat seine Wurzel in der gleichen gedanklichen Ecke: Der einzelne verzichtet auf seine Gestaltungsmöglichkeit zugunsten einer höheren Autorität mit der Aussicht auf kulturelle Erleichterung bei der Bewältigung seiner profanen Lebensumstände.

Also hatte für mich „Gott“ in früheren Kulturstadien mindestens drei wichtige Funktionen: Er diente als Sammelbecken für einen kollektiv anders nicht artikulierbaren Willen, durch ihn wurde der einzelne „recht“ sozialisiert, durch Unterwerfung konnte man seine Verantwortung abgeben und sein Leben vereinfachen.

Welch verlockendes Angebot! Zumal für die meisten Menschen bis heute das Denken eine anstrengende und lästige Pflichtübung ist. Wir in der westlichen Welt haben den Faktor Unterwerfung an den Sozialstaat abgegeben, die Sozialisation an das staatliche Bildungswesen und die Willensbildung an die Demoskopen. Dadurch ist auch das Konzept „Gott“ deutlich weniger gefragt.

Ja, ja sie haben ja Recht! Nun warten sie doch. Natürlich habe ich die spirituelle, seelische Ebene nicht absichtlich weggelassen. Denn sie ist das einzige, was uns vom ursprünglichen Konzept „Gott“ noch geblieben ist. Es gibt in der Existenz des Menschen dieses Quäntchen Unbekanntes, diese Sehnsucht nach Ewigkeit und spiritueller Gemeinschaft, welches keine der modernen Gesellschafts-Systeme abdecken kann.

Darum erfinden wir heutzutage einen „Wohlfühl-Gott“. Unter dem Prädikat der christlichen Nächstenliebe werden soziale Dienstleistungen erbracht, die auch ein kommerzieller Unternehmer anbieten könnte und in manchen Ländern auch tut. Gesellschaftliche Anerkennungsleistungen wie Schulabschlüsse und Hochzeiten werden mit pseudo-religiösem Rahmen geschmückt. So gebrauchen wir das Konzept „Gott“ dort, wo es andere Funktionsebenen der Gesellschaft nicht leisten können.

Ich wünschte mir, die Menschen würden mehr aus ihren Göttern machen. Wenn wir schon die Freiheit haben, uns den Gott so zu Gestalten, wie wir es wollen – wo bleibt da der Gott des Weltfriedens? Der Gott des Ausgleichs zwischen arm und reich? Der Gott der Gerechtigkeit? Der Gott der Teilhabe? Der Gott der Gnade? Der Gott des Mitleids und des Erbarmens? Wir zünden Kerzen an und singen Lieder. Anstatt dessen sollten wir einen globalen Gott der Humanität errichten. Der Mensch ist nun mal das Maß aller Dinge.

Wir können immer mehr Bereiche aus dem ursprünglichen, allumfassenden Gottesbild heraustrennen und an andere gesellschaftliche Subsysteme abgeben – wer weiß, vielleicht schälen wir dadurch ja das Innerste des wahrlich Religiösen hervor. Auch wenn es Reflexion unseres Denkens und Fühlens sein mag – es birgt das Potenzial einer echten Erneuerung. Indem wir das blinde Anbeten toter Texte ablegen und Gott als lebendige Idee verstehen, können wir uns auf das Wahre, Gute und Schöne im Glauben konzentrieren.

Wo Luther noch davon schwärmte, dass jeder über seinen Gott lernen konnte, gehe ich einen Schritt weiter und fordere jeden auf, sich seinen Gott selbst zu erschaffen! Natürlich werden die etablierten Größen der Glaubensindustrie mit Spott und Häme nach mir werfen – an den Tatsachen ändert es dennoch nichts.

Vielleicht steht die Menschheit ja an der Schwelle einer neuen Bewusstwerdung – des Entdeckens der seelischen Kraft als Trägerin von moralischen Normen. Wie es der amerikanische Präsident es formulierte – jeder Mensch möchte frei leben, gerecht leben und wählen können, für sich und seine Nächsten.

Mit dem Bewusstsein, einem Glauben anzugehören, dessen Fundament wir selbst erdacht haben, geht ein Leben in ganz anderer Verantwortung einher. Und jeder einzelne Mensch kann dem großen Ganzen dienen – der Humanität.

* siehe den Beitrag „Ein Samstagmorgen“

Ein Samstagmorgen

Ausschnitt aus einem prosaischen Text.

Ein Samstagmorgen

Ich liege auf der Couch, die Nacht durchwacht, wie so oft in den letzten Tagen. Es Gewittert. Ein verregneter Sommer, bislang. Leere füllt mich, gleichzeitig ein sanftes Brennen im Bauch; ein leise stechender Schmerz in der Brust erinnert an die ständig schlummernde Angst, die seit nunmehr sieben Jahren mein ständiger Begleiter ist. Zum Glück bin ich von den Anfällen verschont geblieben, auch nachdem ich die ständig den Verstand zermürbenden Arzneien eigenmächtig abgesetzt habe. Ich habe beschlossen, lieber leidend zu leben, als betäubt und halbtot vor mich hin zu dämmern. Ein Beschluss, der mit Schmerzen verbunden ist; mit brennenden Händen, Füßen, mit Schweißausbrüchen und Alpträumen. Vielleicht sogar mit einem Schwindelanfall ab und an.

Ich habe Voltaire gelesen heute, über Religion und Wahnsinn. Ein aktuelles Thema, schließlich geht eine der Weltreligionen seit Jahren an, die halbe Welt zu unterdrücken. Und so schießen sie auch heute unschuldige Menschen im Namen ihres barmherzigen Gottes nieder. Oh, was für ein Gott, der seine Gläubigen so verführt. Nein danke, das hatten wir hierzulande auch schon mal.

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich über einen permanenten Verlust erzählen, den ich seit mehreren Jahren verspüre. Es kommt mir so vor, als wäre ich einen Weg gegangen, einen weiten, steinigen Weg, nur um festzustellen, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin. Nein, bitte verstehen sie mich nicht falsch, es geht hier nicht um Beruf oder Diplom; es geht auch mit um die rein biologische Selbsterhaltung – all dieses scheint erfüllbar und, äußerlich zumindest, recht ordentlich zu sein.

Mir geht es um das innere Sein. Wenn man, und ich danke meinem Herrgott dafür, mit zwanzig das erlebt hat, was viele im ganzen Leben nicht; wenn man dann mit dreißig daraus seine Schlüsse gezogen und das Notwendige gelernt hat; wenn das komplette System, indem man lebt, in all seinen Größen und Tiefen bekannt; wenn das Thema klar und die Variationen endlich geworden sind; wenn sich jeder Gedankenfetzen nur noch in einer sich immer und immer wiederholenden Endlosschleife wiederfindet – was bleibt dann noch für den Rest des Lebens übrig?

Na gut, Sie meinen, er maßt sich an, alles zu wissen, alles gesehen, gehört, geschmeckt oder gefühlt zu haben. Nein, das habe ich nicht. Darum geht es auch gar nicht. Ich habe aber genug gesehen, gehört, gefühlt, gedacht und verstanden um das Muster des Ganzen zu erkennen. Jeder Denkprozess, jede Empfindung, die mir jetzt und in Zukunft widerfährt, wird diesem Muster folgen. Das macht jede Empfindung prognostizierbar. Und langweilig, gar uninteressant.

Beginnen wir also mit den Äußerlichkeiten. Kälte, Hitze, Tropen, Wüste, Schnee und Eis. Alles schon da gewesen. Es gibt keinen Ort auf dieser Erde, in den ich mich nicht hinein versetzen könnte. Für jedes Klima gibt es eine Kategorie in meinem Kopf, für jeden Kontinent. Dasselbe gilt für die Nahrung. Was andere essen, esse ich auch. Wo ist das Drama? Für mich gibt es keinen Gott, der mir vorschreibt, was ich zu essen habe. Ich habe in den Tropen geschwitzt und am Polarkreis gefroren. Und wissen Sie was? So weit hätte ich gar nicht fahren müssen. Im Winter friert es sich hierzulande genauso gut.

Gehen wir weiter zur Ästhetik. Ja, was für Irrungen und Wirrungen der verrücktesten Moden hat man da schon gesehen. Mal war die Farbe rot, dann gelb, grün oder türkis blau. Irgendwann hat man sie alle durch und der ganze Blödsinn beginnt von vorne. Was soll’s? Oder mit der Architektur. Gewiss, es gibt ganz großartige Gebäude auf dieser Erde. Doch nach fünfzig, nach hundert, nach jedem Stil und jeder Epoche, nach begierigem Bereisen von Kulturhauptstädten, was kommt da noch? Richtig. Immer und immer wieder dasselbe. Der nächste Bogen, die nächste Fassade. Stein, Glas, Eisen. Alles vergänglich.

Wissen Sie, Ästhetik und Schönheit waren mir früher immer sehr wichtig. Anfangs bewunderte ich das Glänzende, dann das Makellose. Bis ich verstand, dass Makellosigkeit immer nur der Anfangspunkt für den natürlichen Verfall aller Dinge ist und dass der wahren Schönheit immer einiger Makel vorangeht.

Damit, lieber Leser, war aber ein Grundpfeiler meines Denkens erschüttert; denn schließlich gilt Makellosigkeit in unserer Gesellschaft als Ziel, also als Ende eines Prozesses und nicht als dessen Anfang. Immer und immer wieder war ich bemüht, Fehlerfreiheit und Makellosigkeit zu produzieren. Dafür wird man schließlich in der Gesellschaft belohnt und gewürdigt. Doch als ich begriff, dass Fehlerfreiheit nur der Anfang eines ästhetischen Prozesses war, ging der Charme des Perfekten endgültig für mich verloren.

Das oben Gesagte gilt, übrigens, für Menschen gleichermaßen. Und damit war dann auch der Traum vom perfekten Menschen dahin. Es dauerte noch einige Jahre von der Erkenntnis, die sich eher schleichend in meinem Bewusstsein verbreitete, bis zum Durchdringen derselben in das tatsächlich gelebte Leben. Doch die Göttin, die Aphrodite, die als Wunschvorstellung des jungen Mannes, besungen in tausenden Liedern und verherrlicht in hunderten Bildern, mein sexuell erregtes Gemüt über Jahre bestimmt hatte (und, heute bedauere ich es beinah,  tatsächlich ein einziges Mal real wurde), sie gab es nicht mehr. Die Menschen erschienen mir plötzlich seltsam demaskiert. Und was ich sah, war ein Fratze. Seitdem halte ich nicht mehr viel vom rein ästhetischen Menschen.

Also suchte ich im Geiste nach. Oder, anders formuliert, ich suchte nach einem ästhetischen Geist im Menschen. Nun, leider benutzen nicht viele Menschen ihren Geist, sofern sie denn einen haben, und ästhetisch leider schon gar nicht. So merkte ich schnell die einfachen Wiederholungen in den Geschichten der anderen – der eine hoffte und wünschte ganz wenig, der andere materiell eher ganz viel. Der gedanklichen Basis waren sie einerlei; einfach, primitiv, hässlich und, meistens, schlecht. Die meisten meiner Zeitgenossen verstehen sich nur auf eines: Geld. Gier ist die treibende Kraft in unserem Gemeinwesen; Gier nach Gütern; Gier nach Beherrschung und Gier nach Anerkennung.

Die große Leistung der Kultur ist, dass sie die wenigen ästhetischen Menschen, besser gesagt ihre Gedanken, für die Nachwelt konserviert. So fing ich an, die alten Autoren zu studieren. Ich habe schon immer viel gelesen, doch früher war das Lesen für mich nur eine weitere Form von Konsum. Ich wollte unterhalten werden, ich wollte gebildet werden, ich wollte belehrt werden. So konsumierte ich Text für Text, Geschichte für Geschichte, Gedanken für Gedanken; verschlang tausende von Seiten und Dutzende von Autoren, immer auf der Suche nach einer neuen Idee.

Irgendwann, ich glaube es war schon nach meinem Zusammenbruch – ach, Verzeihung, das habe ich noch gar nicht erzählt: Während meinen Bemühungen, sowohl perfekt zu sein, als auch ästhetisch und noch lehrreich dazu, habe ich einen Kollaps erlebt, einen totalen Zusammenbruch des Systems Mensch. Ich hatte Glück und kam von dort zurück, doch einiges in der Wahrnehmung der Welt hatte sich schlagartig verändert. Ich hatte das Absolute gesehen, gehört, gefühlt und gerochen. Alles. Doch dazu später mehr.

Also, irgendwann begann ich, auch in den Geschichten und in den Denkmodellen der Autoren, die ich las, das Muster der Gedankengänge zu entdecken. Plötzlich gab es auch hier nur noch ein Thema – das Denken an sich – und alles Folgende war dessen Variation.

Da gab es die Analysten, da wurden Sachzusammenhänge in kleine Einheiten zerteilt und wieder zusammengefügt – da gab es die Datensammler, die verzweifelt alles sammelten und durch Rechner jagten, nur um die Bestätigung der Realität als Wahrscheinlichkeitsaussagen und mathematische Formeln wiederzufinden, erfolglos meistens. Da gab es die Buchhalter, die mit ihren Nickelbrillen die ganze Welt nur als Kosten verstanden. Da gab es die Geschichtenerzähler, mit ihrem immer selben Appell an unsere niederen Gefühle – Gefühle der Gerechtigkeit, der Angst, der Zuneigung oder des Hasses. Und, da gab es die wenigen Autoren, die mir am meisten gefielen: Diejenigen wenigen, die es vermochten, eine ganze Welt zu errichten.

Autoren, die Welten bauen, wie Dante in seiner Commedia oder Goethe im Faust. Beschreibungen von ganzen Gesellschaften wie Ayn Rand in Atlas Shrugged. Wie Thomas More in seiner Utopia. Oder George Orwell in 1984 oder gar Aldous Huxley in seiner Brave New World. Ich wilderte in diesen Gedankenwelten, malte sie mir mit farbigen geistigen Bildern aus, schmückte sie mit Erfahrung, Gefühl und Emotion. Manche waren beängstigend, andere Traumhaft. Vorstellbar waren sie allemal und in meinen geistigen Bildern lebendig real.

Irgendwann lies die Spannung dann nach. Ich empfand es mit der Zeit immer schwieriger und schwieriger, mich vorbehaltlos in die Gedankenwelten anderer hinein zu versetzen. Ich entdeckte immer wieder Unstimmigkeiten; Details oder ganze Konzeptionen passten nicht mehr. Ich bin mir nicht sicher, ob dies nun an der Tatsache der vermehrten Vergleichsmöglichkeiten oder an der wachsenden Unlust, Vorgedachtes zu denken lag – irgendwann war der Punkt erreicht, an dem die Ähnlichkeit der Konzeption der jeweiligen Utopie mit einer anderen die eigentliche Ausführung derselben überlagerte. Sie können sich das etwa so vorstellen, dass ein Maler das Bild eines anderen Malers nur auf die Güte seiner Pinselstriche begutachtet und dabei eventuell das meisterhafte Motiv gar nicht mehr erkennt.

Ich war inmitten der Erforschung der Utopien zur Grundlage zur Entwicklung meiner eigenen Utopie, denn das hatte ich mir inzwischen zum Ziel gesetzt, als ich die Endlichkeit des Denkens verstanden hatte.

Eigentlich überraschte mich zunächst die Endlichkeit des Seins in Form des Todes, der, völlig unvorhergesehen, plötzlich Menschen dahinraffte, die mitten im Leben standen. Es waren nicht einmal Menschen, die mir besonders nahe gestanden hätten – ich nahm nur eine seltsame Häufung von Todesfällen wahr, die jeder auf seine Art eine ganze Welt mit sich in den Abgrund zog. Da war die Schauspielerin, die es vermocht hatte, mit ihrer Schönheit immer wieder die Illusion der ewigen Jugend zu erzeugen, da war der junge Politiker, der als aufgehender Stern am Himmel der Machtelite gefeiert wurde, da war der erfolgreichste Popstar aller Zeiten – plötzlich weg. Einfach so, Geschichte, von jetzt auf gleich. Alles Mühen, alles Schaffen, alles Fürchten, Hoffen und Bangen: im Angesicht des Todes verlieren wir nicht nur die vermeintlich sichere Basis unseres alltäglichen Lebens, nein, wenn wir den Bruch des Alltäglichen durch den Todesfall wirklich zum Nachdenken nutzen, sehen wir darin auch die Relativität unseres Tuns und die Lächerlichkeit unseres Handelns.

Die Frage, die sich plötzlich in mir aufdrängte, war die Frage des Sinns des Seins im Angesicht des vernichtet Werdens. Bitte verstehen sie mich nicht falsch, ich stellte mir keinesfalls die Frage nach dem Sinn des Lebens – der war für mich klar. Ganz schlicht und darwinistisch: Friss oder stirb, vermehre deine Art in deiner Nische so gut du kannst. Nicht mehr und nicht weniger. Das biologische Leben an sich kennt weder Ästhetik noch Moral.

Wie, sie verstehen mich nicht? Nun gut, lassen sie mich ein Beispiel machen. Stellen sie sich ein Feld mit Blumen vor. Diese Blumen werden umso besser befruchtet, je größer sie sind. Sie verbreiten ihren Samen mit dem Wind und je größer die Blume, desto weiter fliegt der Samen – ergo desto weiter verbreitet sich die Art. Nun, in diesem Feld steht die größte, schönste und erfolgreichste Blume, die ihren Samen am weitesten verbreiten kann. Jetzt liegt das Feld an einem Berghang und der Wind weht regelmäßig vom Meer den Hang hinauf. Also fliegt der Samen der erfolgreichsten Blume am höchsten den Berg hinauf. Und erfriert im nächsten Winter. Da ist weder Ästhetik, noch Moral.

Ich sehe, sie verstehen, was ich meine.

Das Sein an sich ist aber mehr als das biologische Existieren. Bloße Existenz setzt keine Reflexion voraus. Das Betrachten des eigenen Seins jedoch schon. Unsere natürliche, körperliche Existenz mit ihren primitiven Anforderungen an die Umwelt, mit unseren einfachen Bedürfnissen nach Nahrung, Kleidung, Wärme oder sozialem Umgang und somit Artvermehrung bedarf noch keiner tiefer gehenden gedanklichen Auseinandersetzung mit sich selbst. Die meisten Menschen leben bewusst in diesem Dämmerzustand. Und sie sterben darin und hören auf zu existieren, wie eine Pflanze oder ein Tier. Erst dann, wenn wir anfangen, das eigene Sein von der puren Existenz zu lösen, werden wir zu mehr. Erst dann entwickeln wir echte Ästhetik, Moral, Gesetz oder Staat. Ja, sogar die Existenz der Religionen und somit die Existenz Gottes in unseren Köpfen ist eine Folge des Nachdenkens über uns selbst. Wir haben Gott erfunden. Nicht er uns. Unser Begriff “Gott” ist nichts anderes als eine Beschreibung eines Prinzips.

Das Nachdenken über die eigene Existenz führt zum Begriff des Seins. Und das Nachdenken über den Begriff des Seins führt in die abstrakten Regeln des Seins. Und daran, lieber Leser, habe ich meine liebe Mühe gefunden. Ich möchte nicht nur existieren, biologisch, instinktiv. Ich möchte auch nicht nur mit den anderen denken, konkurrieren um materielle Güter oder gesellschaftliche Anerkennung. Ich möchte auch keine Spezielle These entwickeln, keine Formel finden, keine analytische Beschreibung eines Realitätsausschnittes liefern. Ich will, nachdem es machbar erscheint, die Funktion der Abstraktion des menschlichen Denkens erforschen. Und dann, ja dann, eine Welt konstruieren. Ein Modell. Eine Utopie. Gespeist nicht durch dieselben Impulse wie in all den Jahrhunderten zuvor, den Impulsen von Macht und Unterdrückung. Nicht Gier soll Grundlage meines Weltbildes sein, sondern das göttliche Prinzip, welches uns Menschen geschenkt worden ist. Ein Prinzip, von dem wir wenig bis gar nichts verstehen, bislang. Von dem wir lange ahnen, dass es in uns liegt, von dem wir wissen, dass es existiert, welches, selten, aber immerhin in der Geschichte der Menschheit an der ein oder anderen Stelle zutage tritt.

Ich meine nicht die Seele der kirchlichen Lehre. Ich meine auch nicht die Vernunft der Rationalisten. Ich meine die Fähigkeit, in Meta-Ebenen denken zu können. Eine Fähigkeit, die uns immer wieder in der Gestalt von sehr außerordentlichen Menschen begegnet, Menschen, die durch ihr Denken die Welt verändert haben und die Menschheit zu dem machen, was sie auf dem Höhepunkt ihrer kulturellen Blüte sein kann: gut.

Das ist mein großes Projekt. Zum ersten Mal habe ich es in dieser Deutlichkeit beschrieben und manchmal bezweifle ich, ob ich jemals die Kraft haben werde, dieses Projekt auch nur annäherungsweise zu einem Ergebnis zu bringen. Zu viel Kraft kosten die Schmerzen der Wunden der Erfahrung. Aber ohne diese Wunden und Narben, körperlich wie seelisch, wäre ich wohl nie so weit gekommen, an einem Samstagmorgen diesen Text zu verfassen.

Aus dem Schmerz in meiner Brust erwächst eine gigantische Leere. Es ist, als ob ich mein gesamtes bisheriges Leben, mein ganzes Wissen, meine ganze Erfahrung hinter mir gelassen hätte und nun auf eine riesige, leere Fläche, ähnlich einem stillen Ozean blickte. Hinter mir all die Erinnerungen, das Lebendige, und vor mir das Nichts. Das Nichts, in dem sich die Wahrheit der Dinge verbirgt. „Nihil est omnia“ sagt Luther. Genau so fühle ich auch. Ich fühle, höre in dieses Nichts hinein, wie ich sonst in die Denkwelten anderer Menschen hinein höre. Doch dort, wo in den Gedanken der Menschen rege Energie fließt, wo gerungen und gewonnen, wo gefeiert und verloren, wo geliebt und gehasst wird, ist in dieser Leere – nichts. Noch habe ich anscheinend nicht die richtige Wellenlänge gefunden, um die Schwingungen aus der riesigen Leere empfangen zu können. Noch erhalte ich keine Information aus dieser seltsamen Form des Seins.

Deshalb stehe ich etwas ratlos vor meiner Erkenntnis und warte auf eine Botschaft aus der Tiefe, aus dem schlummerndem Teil meines Gedächtnisses, in vollem Bewusstsein der Einzigartigkeit und nicht Überprüfbarkeit des Empfundenen. Tun sie es ruhig als Hirngespinst eines armen Irren ab – das taten die Menschen mit ihren Denkenden seit jeher und tun es auch heute noch, wie ich an eigenem Leibe oft genug erfahren habe in dieser ach so „toleranten“ Gesellschaft. Entschuldigen Sie bitte, aber ich musste kurz fröstelnd lachen, danke.

Nein, ich werde ihnen den Gefallen nicht tun und endlos im Stadium des Nietzscheschen Nihilisten verharren. Das wäre erstens nur Repetition und zweitens viel zu einfach. Und nun, ach du schöner Augenblick, verweile doch… aber nein, ich gehe mir nur eine Tasse Kaffee holen. An diesem Samstagmorgen.

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inspiriert von Dostojewskijs “Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, im Sommer 2009

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Guten Tag. Mein Name ist Daniel. Meine Freunde nennen mich Dani. Ich bin nur ein bescheidener schwarzer Hund mit einem ziemlich langen Fell und braunen, großen und manchmal etwas traurigen Augen. Ich möchte euch eine kleine Geschichte erzählen, so kurz vor Weihnachten. Es geschah also einmal vor ein paar Jahren:

22. Dezember

Ich lag eines Abends auf meinem Platz in der Ecke eines kleinen, dunklen Raumes. Der kalte Wind pfiff durch die Ritzen an den Fenstern des schäbigen Hauses, wirbelte den Dreck vom Fußboden direkt in meine Augen. Heiße Tränen begannen meine lange schwarze Schnauze hinunter zu fließen. Monatelang hatte man mich nicht gewaschen, verfilzt war mein dichtes Fell, juckend der Ausschlag hinter meinen Ohren. Ich mußte mich dauernd mit meinen Scharfen, ungeschnittenen Nägeln kratzen. Schrecklich.

Ob er wohl endlich bald käme? Und mich hinaus ließ in den kleinen, schmutzigen Hof, auf dem endlich der weiße Schnee den Lehmboden ein wenig ansehnlicher machte, den Schlamm verbarg, der sich immer wieder an meinen Tatzen sammelte, verklebte, das Gehen für mich beinahe unmöglich machte, vom Laufen ganz zu schweigen. Eigentlich bin ich ja zum Laufen geboren, müsst ihr wissen, schnell wie der Wind war ich durch die Felder gepfiffen in meiner Jugend, hatte die Freiheit auf dem Lande genossen, auf dem Bauernhof, der früher einmal mein Zuhause gewesen war.

Dann passierte meiner Familie dieser schreckliche Unfall, mein Herrchen kam in dieser kalten Nacht auf spiegelglatter Straße bei einem Autounfall um, mit ihm das Frauchen, das mich so liebevoll gepflegt hatte. So kam ich dann hierher, mitten in die Stadt, in diesen schäbigen Hinterhof, zum Bruder meines Herrchens, einem schrecklichen Menschen, der tagsüber nie da war, mir immer nur übelriechende Reste zum Fressen hinwarf und der nie, aber auch gar nie mit mir Spazieren ging.

Wenn er betrunken war und ich mich trotz allem auf sein Kommen freute und freudig mit dem Schwanz wedelte, da schlug er mich, trat, schrie, schmiß mich in die Ecke, in die ich mich öfters, wimmernd, zurückziehen mußte. Auf die löchrige Decke, die er mir als Schlafplatz hergerichtet hatte.

Fast ein ganzes Jahr ging das jetzt schon so und langsam fühlte ich meine Lebenskraft schwinden, gefangen in der schmutzigen Wohnung, die übel nach Schweiß, Bier und Abfalleimern roch. Nichts mehr hatte ich von meinem freien Leben und traurig waren die zehn Minuten auf dem beengenden Hof, gerade genug Zeit, um meine Durft zu verrichten, bevor dieser verhaßte Mensch wieder mit seiner heiseren Stimme, krächzend schrie: „Hund, rein mit dir, aber sofort, du Köter, hier ist es kalt, mach schon, ich friere“.

Nicht einmal einen Namen hatte er mir gegeben, nie streichelte er mich, nie kam ein freundliches Wort über seine Lippen. Er war einsam, was mich auch nicht wunderte. Wer wollte schon mit so einem Menschen leben? Der sich kaum wusch, stank, trank, schimpfte, einen immerzu verließ, sich um nichts kümmerte, dazu noch fies, gemein und gewalttätig war?

An diesem Abend beschloß ich endlich, dem Ganzen ein Ende zu machen. Eigentlich wollte ich es schon lange tun, hätte es bestimmt auch getan, wäre da nicht Maria gewesen. Maria war krank, sie lag unten im Keller in einer Ecke und konnte kaum mehr gehen. Ihr Bauch war fast zu einem Ball aufgeschwollen. Maria war eine Katze, „halbangora“ nannte sie sich, in ihrer Jugend mußte sie wohl eine ansehnliche Schönheit gewesen sein, als es bessere Zeiten auch in diesem Stadtviertel gab, bevor die Fremden gekommen waren, die Obdachlosen, die Diebe, Betrüger und Drogenhändler.

Ich kümmerte mich um Maria, brachte ihr Essen gab ihr von den spärlichen Resten, die man mir gab. Ein altes weißes löchriges Handtuch, hatte ich ihr die steilen Treppen hinunter geschleift, als wärmenden Schutz gegen die kriechende, feuchte Kälte des muffigen Kellers.

Ich hatte sie auf meiner Suche nach einem Weg raus aus dem Haus gefunden. Ich wollte weg, egal wohin, überall schien es besser zu sein. Mißtrauisch war sie anfangs gewesen, ängstlich. Natürlich trennten uns beide doch Welten von Vorurteilen, so zwischen Katze und Hund. Uns verband aber die mißliche Lage, die Not und die Einsamkeit. So wurden wir doch zu Freunden, ein sicherlich komisches Paar in dem gruseligen Keller, inmitten des heruntergekommenen Viertels der ansonsten so stolzen, reichen und mächtigen Stadt.

Ich konnte Maria nicht verlassen, konnte nicht einfach so weggehen, sie im Dunkel des Kellers verrecken lassen. Sie brauchte zu Essen und der Alte war mal wieder tagelang weg. Auch ich hatte Hunger, aber noch keine Not. Sie aber war sehr schwach geworden, ich sah ihr es an, der Glanz ihrer schönen, vom langen Haar ihres hellbraunen Felles gerahmten grünen Augen wurde von Tag zu Tag schwächer, bald würde des Lebens Licht in ihnen erlöschen, würde ich nicht etwas tun.

So wartete ich auf die Gelegenheit zu flüchten, suchte nach einem Weg, schließlich mußte ihr helfen, Futter holen. Ich grub in den Ecken des Kellers, grub im lehmigen Boden, doch ohne Erfolg. Ich lehnte mich an die hölzerne Luke, die früher für die Kohlen gedacht war, von außen schien sie jedoch abgeschlossen zu sein. Ich kratzte an der Eingangstür zur Wohnung vergebens, schaffte es, die Klinke zu drücken, aber mehr nicht. Sie bewegte sich keinen Millimeter. Warum konnte er niemals vergessen, die verdammte Tür abzuschließen?

Plötzlich, vielleicht war es Zufall, hörte ich an diesem Abend das Geräusch des sich drehenden Schlüssels im knarrenden Schloß. Erst nach einigen Versuchen schaffte er es die Tür zu entriegeln, kam gerade noch über die Schwelle, bevor er, sturzbetrunken, zusammenbrach. Die Tür stand offen, mein Weg war frei! Schnell sprang ich hinaus in die Kälte, die Freiheit, in die Dunkelheit, die nur durch einzelne Lichter erhellt war. In den Fenstern der besseren Menschen kündigte sich das frohe Fest schon an.

Nun war ich frei, konnte gehen, wohin ich wollte. Weg von hier, weg von ihm, endlich! Jubelnd tat ich die ersten Schritte, sprang los, fetzte um die Ecken der engen Gassen der verlassenen, nächtlichen Stadt.

Halt, Moment, dachte ich, Maria! Du darfst sie nicht vergessen, was wird aus ihr ohne dich? Nein, ich konnte sie nicht holen. Gehen konnte sie nicht, und die Kälte des Winters würde sie umbringen, nein, das war schlichtweg unmöglich.

Also suchte ich Nahrung in den Mülltonnen der Menschen, verdreckte mir die Nase und mein Fell, wurde zwischen den Kartons südlicher Früchte beim Lebensmittelhändler um die Ecke auch fündig. Ich fand Reste von Fleisch, aß etwas davon, gierig, stillte meinen ärgsten Hunger, immer darauf bedacht, auch Maria etwas übrig zu lassen. Ich fand eine Tüte aus Plastik, stopfte schimmliges Brot hinein, stinkende Würste, weiche Tomaten, was ich eben so fand. Schleppte die tropfende Tüte zurück zu der Wohnung, deren Türe immer noch angelehnt war, schlich nach unten in den muffigen Keller und brachte Maria das Essen, so schlecht es auch war. Besser als nichts war es allemal.

Dankend nahm sie es an, sie war noch schwächer geworden konnte sich, kaum bewegen. Was mit ihr los war wußte ich nicht. Sie stöhnte laut, begann dann endlich zu fressen, langsam zunächst, bald aber mit besserem Appetit. Mehr von dem Futter wollte ich holen, Wasser dazu, versprach, wiederzukommen und sprang erneut hinaus in das winterliche Dämmerlicht, geradewegs über den schnarchenden und stinkenden Mann hinweg.

Ich wollte wieder zum Laden, war auch fast da, als sie kamen, im weiß-grünen Wagen, Polizei! Sie schnappten mich, hielten mich fest, suchten nach einer gültigen Steuer-Marke, Adresse, oder so etwas. Sie sahen meine schlimme Verfassung; verdeckt, stinkend, mager und schwach war ich, also luden sie mich ein, nahmen mich mit und brachten in ein Heim voll mit anderen Tieren, ein Tierheim am Rande der Stadt.

Dort wuschen sie mich, kämmten mein Fell, Mann, roch das gut, tröpfelten Medizin in meine brennenden Augen, schmierten Salbe hinter mein juckendes Ohr, schnitten die zu langen Nägel ab. Endlich konnte ich wieder auch ohne den Schmerz gehen. Welch eine Erleichterung, sage ich euch.

Sie legten mich zum Schlafen in einen warmen Käfig aus Stahl, neben die andern. Hartes Schicksal auch da. Schön war es hier, eng zwar, aber liebevoll und warm. So schlief ich ein, glücklich und müde, endlich in Sicherheit, endlich ohne die ständige Angst.

23. Dezember

Viele waren der Menschen, die kamen, um Tiere aus dem Heim zu holen. sie wurden vor der Schwere der Entscheidung gewarnt, der Länge eines Lebens, der Verantwortung, die sie in Zukunft zu tragen hatten, sollten sie sich ein Tier anschaffen.

Auch mich wollte so mancher haben, wahrscheinlich gefiel ihnen mein jetzt glänzendes Fell. Aber ich wollte sie nicht, sah die Unehrlichkeit in ihren Augen. Als Spielzeug enden wollte ich nicht, abgeschoben nach ein paar Wochen, womöglich einsam am Straßenrand zurückgelassen und wieder im Elend. Deshalb zeigte ich Zähne, bellte ganz wild, verjagte die meisten, ließ keinen an mich heran. Der oder die Richtige würde schon kommen, das war mir gewiß, ich müßte nur geduldig warten.

Dann kamen sie tatsächlich, später Mittag mußte es sein, eine Frau und ein Mädchen, irgendwie fand ich sie nett. Die beiden hatten eine gewaltige Ausstrahlung und etwas schien uns zu verbinden, gleich vom ersten Augenblick an. Beide waren sie blond, das Mädchen etwa zehn Jahre alt, die Mutter fünfunddreißig. Gepflegt sahen sie aus, dufteten gut, nein nicht nach Parfüm, das meine ich nicht. Schließlich bin ich ein Hund! Duftexperte sozusagen.

Sie sprachen mich an, ich schnupperte kurz, war mir schon ziemlich sicher und schmiegte mich an das Mädchen an. Nehmt mich doch mit, sagten meine Augen, mit dem süßesten Blick, den ich je beherrschte. Natürlich wirkte es sofort und die Begeisterung war auf allen Seiten groß. Ja, die beiden würden meine neue Familie sein.

Sie nahmen mich also mit. Der Wagen neu war, so ein Kombi, hinten mein Platz, eingerichtet, fertig, nur für mich, so schien es zumindest zu sein. Alles war sauber, die Menschen waren zärtlich, als sie mir ein ganz neues Halsband anlegten, stolz mich an der ledernen Leine führten. Ein Vermögen mußte sie gekostet haben, so edel war sie, so weich und geschmeidig.

Ein Traum war auch das Haus, in das sie mich nun brachten. Es lag nahe der Stadt, im besten Viertel, mit viel Grün drum herum, einem großen gepflegt Garten. Laufen konnte ich hier, endlich. Frei durfte ich sein, mich bewegen, in vielen der Zimmer suchen und finden, zärtlich wurde ich gerufen, mir das Essen bereitet, vom feinsten, natürlich, wie denn auch sonst.

Zweimal am Tage führte man mich Spazieren, immer wieder lange Strecken, zum Entdecken, zum Schnuppern. Zum Laufen war viel Zeit, mal mit der Mutter, dann mit der Tochter. Beide waren wirklich sehr nett. Ich gab ihnen das Gute zurück, tat wie geheißen, bäumte mich nicht. Alles in allem hatte ich ein wunderbares Heim gefunden.

Wären da nicht die Gedanken an Maria gewesen, in dem schäbigen Haus, alleine und hungrig, krank und wahrscheinlich bald tot. ich mußte ihr irgendwie helfen, das war mir klar. Doch wie sollte das gehen, hier lebte ich nun in Frieden, Wohlstand und Reichtum. Ich hatte keinen Grund zum klagen. Wie konnte ich da den Menschen mitteilen, was mich so quälte?

Abends dann gingen wir mit der Tochter in Richtung der Stadt spazieren. Jana war ihr Name. Schnee fiel vom Himmel und färbte die Welt weißlich, säubernd, dämpfte die Stimmen der Menschen, die Laute der Autos, den ewigen Lärm. Jana ließ mich führen. Bestimmt, aber langsam lenkte ich ihren jugendlichen Schritt in Richtung des Viertels, wo Maria gefangen war. Weit war es ja nicht. Da war es, das Haus, das noch vor Tagen mein Gefängnis gewesen war, ein schrecklicher Anblick, darin im Keller meine allerliebste Freundin, die sich sorgte und litt.

Ich zerrte hart an der Leine, zog Jana hin zur Tür, kratzte daran, wollte hinein. Ich ihr zeigen, was sich hinter der blätternden Fassade verbarg. „Was ist denn los mit dir, Dani?“, wunderte sie sich. Da fing an laut ich zu bellen. Vielleicht war er ja da, nüchtern sogar, und würde die verschlossene Tür öffnen und ich konnte in den Keller sausen und Maria holen.

Schließlich öffnete ein fremder Mann die Tür. Schnell drückte ich mich an ihm vorbei in die Wohnung hinein. Die Sachen des Monsters waren weg, und weg war auch er. Vielleicht hatten sie ihn ja endlich ins Gefängnis gesteckt, ja, vielleicht gab es ja doch ein wenig Gerechtigkeit in der Welt.

Ich zog Jana weiter in Richtung des Kellers, die Treppen hinunter, bellte ganz laut und sagte zu Maria: „Ich komme, halt durch“. Ich sah sie ganz hinten in ihrer Ecke schlafen, dämmernd schien ihr Zustand zu sein.

„Oh, eine Katze, das ist also das, was du suchtest“, meinte Jana ganz zärtlich, „meine Güte, die ist ja dick, bekommt die etwa bald Katzenjunge?“

Das war es also gewesen, was Maria so gequält hatte, warum sie sich in der Ecke des Kellers verkrochen hatte! Weil sie kein besseres Zuhause hatte, hatte sie hier Schutz für ihre werdende Familie gesucht. „Warum hast du mir nichts gesagt?“, fragte ich Maria. Im selben Moment kannte ich die Antwort aber auch schon. Man gab seine Fehler nun mal nicht gerne zu, selbst vor seinen Liebsten Freunden nicht.

„Wem gehört denn die Katze?“, fragte Jana den Fremden, der nichts mit den Tieren am Hut zu haben schien. „Wahrscheinlich dem Säufer, aber der ist ja weg, also jetzt keinem“, sprach er bedenklich, fügte hinzu: „Na, nimm sie doch mit.“

„Ja“, sagte Jana.

„Das werde ich tun.“

Sorgsam nahm sie die Katze in ihre Arme, trug sie behutsam nach oben und wickelte sie in ein wärmendes Tuch ein.

„Dani, du läufst jetzt auch ohne die Leine ganz brav neben mir her, wir nehmen die Katze mit zu uns nach Hause, o.k.?“, sagte sie streng.

Ich antwortete nur mit einem leisen freudigen „wuff“.

Wie glücklich ich war, konnte sie ja nur ahnen. Als hätte ich im Sinn gehabt je etwas anderes zu tun, lief ich neben ihr her. Ich konnte es kaum erwarten, bis wir endlich im feinen Hause ankamen, das jetzt auch Marias Zuhause war, endlich.

Auch sie wurde gewaschen, gefüttert, verpflegt und bekam einen Korb zum Schlafen. In ihm lag ein warmes, feines, wärmendes Tuch, wohlriechend, wie alles in diesem, von liebenden Menschen so sorgsam gepflegten Heim.

Ich legte mich neben den Korb in dem Maria ruhte. Noch war sie zum Reden zu schwach. Hoffentlich würde es ihr morgen besser gehen, wünschte ich mir. Kurz noch öffnete sie ihre grünen Augen und ein tiefer Blick der Dankbarkeit erreichte meine Seele. Da freute ich mich, richtig. Nun war ich zufrieden, schloß meine Augen und schlief ein in der winterlichen Nacht. Ich hatte meine Pflicht getan.

24. Dezember

Das Haus duftete köstlich. Schon den ganzen Morgen hatten Jana und ihre Mutter die Speisen für den Heiligen Abend zubereitet. Noch nie hatte ich jemanden so viel Liebe und Mühe in ein Weihnachtsfest stecken sehen. Trotz alledem hatten sie immer noch genug Zeit für mich und Maria, liebevoll und sorgsam wurden wir gepflegt. Maria ging es schon viel besser. Allerdings wurde sie im Laufe des Tages sehr unruhig, etwas kündigte sich an.

Am Abend war auch der Vater zum Speisen im Kreise seiner Familie gekommen wie es eben Brauch war, am heiligen Abend. Ein gestreßter Mann, in hoher Position, in einer großen Firma. Er sprach nicht viel und etwas schien ihn sehr zu bedrücken. Nach der Bescherung war er schnell weg, streichelte mich kurz, nicht häßlich aber ohne Zuneigung, als wäre ich ihm nicht gut gesinnt, eher schon egal. Irgendwie paßte ein Hund nicht in seine Welt.

Der Abend war schön, Lieder wurden gesungen, der Schnee fiel in den hell erleuchteten Garten, mit Tausenden Lichtern hatten Jana und ihre Mutter die Bäume geschmückt. Schön war es, darunter zu spazieren, der Bauch wohl gefüllt, ohne Angst, ohne Schrecken, die Liebsten wohl wissend in Sicherheit.

Später dann, so gegen elf, hörte ich Maria ein wenig gequält aufschreien, ihre Niederkunft hatte also begonnen. Acht Junge sollte sie gebären, in der Heiligen Nacht. Früh am Weihnachtsmorgen erblickte das letzte von ihnen das Licht dieser Welt. Ich blickte hoffnungsvoll in die Zukunft, ja, es würde ein besseres Leben werde, für uns alle. Das war mein größtes Weihnachtsgeschenk.

25. Dezember

Feierlich war dieser Tag, alle hatten wir lange geschlafen, reichlich gegessen, Maria gesäubert und verpflegt. Friedlich säugend lagen ihre noch so hilflosen, blinden Jungen im Korb. Ich wich kaum von ihrer Seite, abgesehen von den Gängen nach draußen. Aber auch da hatte ich es eilig, wieder zurückzukehren zu ihr, zu meiner Freundin, zu meiner Familie, sozusagen, auch über die Rassengrenzen hinweg.

Etwas eigenartig benahm sich der Vater, ihm schien die Wärme des Zuhauses unwohl zu sein, er war schon den ganzen Nachmittag gereizt und rastlos im Hause umhergerannt, sprach andauernd von irgendwelchen Geschäften, konnte nicht loslassen, nicht Weihnachten feiern, nicht mal eine Sekunde lang.

Abends dann trank er zu viel Wein, wurde recht laut, schrie Janas liebevolle Mutter an, machte ihr Vorwürfe, haltlose, meinte ich. Auch Maria wurde unruhig, und in ihren Augen sah ich die Sorge um ihre Kinder aufkeimen. Zu sehr war sie vom Leben getroffen worden, um an die Herrlichkeit der neuen Welt glauben zu können. Für sie war das Ganze zu neu, zu groß die Veränderung.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte ich ihr, „ich bin ja bei dir. Der ist nicht wie der Alte, glaub mir, der wird uns schon nichts tun“, versuchte ich sie in Sicherheit zu wiegen. Einer trugsamen, das wußte ich, dennoch konnte, nein, wollte ich nicht glauben, daß das Böse sich auch in diese, doch so heile Welt hatte einschleichen können. Ich wachte unruhig, neben Maria und ihren Jungen und schlief dann endlich irgendwann ein an diesem Weihnachtstage, in meinem neuen Zuhause, das so plötzlich etwas von seiner idyllischen Sicherheit und Schönheit verloren hatte.

26. Dezember

Am Morgen wachte ich gestört von eigenartigen Geräuschen auf. Sachen wurden bewegt, Türen geöffnet und wieder geschlossen. Ich war irritiert, was oder wer konnte so die Ruhe des Feiertages stören? Jana weinte, das konnte ich hören. Jammernd saß sie in ihrem Zimmer. Leise schlich ich an ihrer Türe vorbei, hinunter in die Küche, wo ihre Eltern sich stritten. Der Vater war böse, gerötet war sein Kopf, „wie kannst du das machen, was aus mir soll werden“, schrie er in die Wärme der Küche, den süßen Geruch des Weihnachtsgebäcks hinein.

Ich bellte leise, machte auf mich aufmerksam, da drehte er sich um nach mir. „Was soll das da mit dem Köter“, schrie er, ließ seine Maske gänzlich fallen, zeigte sein wahres Gesicht. Also doch wieder so einer wie der Alte. Irgendwie hatte ich es ja geahnt. Auch der Glanz des Geldes, der Wohlstand konnte nicht mehr das Wahre verbergen, auch der Glitzer half nichts, wenn die Werte des Menschen nicht echt waren. Janas Mutter hatte das wohl verstanden, ihr war das Fest zu viel geworden, ihres Mannes Trägheit, sein Unvermögen, Wärme zu fühlen oder zu geben. So warf sie ihn hinaus in seine gierige Welt, zu den Seinigen sollte er gehen, sollte anderswo seine schlechten Gefühle verbreiten, die Gier, den Neid und den Haß.

Ich fand gut, was diese Frau tat. Sie rettete sich, ihre Tochter, Maria und mich, bewahrte die Liebe in diesem Haus, schützte die Ihren und schütze ihr Glück. Es erforderte eine Menge Mut, sich vom Bösen zu trennen. Sich zu entscheiden, für das Gute und für sich selbst.

Seit diesem Tage herrscht Frieden in meinem Leben, Harmonie, Liebe und Glück. Marias Kinder haben alle ein gutes Zuhause gefunden, Maria, Jana, ihre Mutter und ich sind dicke Freunde geworden. Unser Leben ist schön, nicht immer ganz einfach, auch nicht mehr vom Reichtum geprägt, aber gefüllt mit Wärme, Verantwortungsbewußtsein, Zuwendung, Liebe und Zärtlichkeit.

Und das ist mein Anliegen, mit dieser Geschichte. Egal, ob Hund oder Katze, Tier oder Mensch, Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener; stellt euch dem Leben, zeigt euren Mut, verteidigt eure Werte, glaubt an die Liebe und gebet niemals auf. Und ihr werdet belohnt mit dem schönsten Geschenk, das man sich je wünschen kann: einem glücklichen, langen und zufriedenen Leben. Und mit viel Liebe dazu.

Alles gute wünscht euch

Euer Dani, wuff!

Die Schönheit und die Weisheit

Es trafen sich, zufällig könnte man sagen, eines Tages die Schönheit und die Weisheit in den heiligen Hallen der Götter des Unendlichen und begannen, eher beiläufig, ein oberflächliches Gespräch.

“Sei gegrüßt, Weisheit, sagte die Schönheit. “Schau, ich bin groß geworden. Ich streue mich unter die Menschen und die Menschen folgen mir. Schau wie sie ihre Städte bauen, ihre Schlösser. Wie sie ihre Gemälde malen, ihre Gedichte schreiben, wie sie komponieren und ihre Lieder singen, wie sie mich genießen und für mich. Schau, ich habe die Menschen glücklich gemacht, wahrlich.”

Die Schönheit steigerte sich in ihre Begeisterung hinein und erreichte schließlich ihre ach so bekannte Selbstüberschätzung.

Die Weisheit aber schwieg.

“Ja, und mehr noch”, kreischte die Schönheit weiter, “schau wie sie mir Paläste bauen, ganze Tempel, wie sie mich anbeten, wie sie sich für mich opfern und hingeben, wie sie sich mir gleich machen! Großartig, nicht wahr, liebes Schwesterchen? Die Welt ist ein viel besserer Ort geworden. Wegen mir.”, sagte sie, jetzt mit ein wenig Ungeduld in ihrer Stimme, deren leichtes Zittern die Erwartung einer Antwort ihrer Schwester anmahnte.

Aber die Weisheit schwieg.

“Du glaubst mir nicht”, sagte die Schönheit enttäuscht. “Na gut. Komm mit, wir wollen uns die Menschen anschauen!”, meinte sie schnippisch und zerrte die Weisheit auf den Balkon des Heiligen Tempels, von dem man die Menschen gar vortrefflich in ihren Geschäften beobachten konnte.

“Nun schau mal”, sagte die Schönheit und streckte ihre anmutige Hand aus, ja mit einer scheinbar einfachen und leichten Bewegung ihres Armes schien sie Funken ihrer selbst in die Masse der emsigen Menschen zu streuen, zu säen in die Leute ihres, der Schönheit, Daseins köstliche Frucht.

Das Volk fuhr voll Entzückung zusammen und dankte lobpreisend für das himmlische Geschenk.

“Schau jetzt ganz genau hin”, sagte die Schönheit euphorisch, “sogleich werden sie zu mir beten”. Und tatsächlich, bald schon hörte man auf dem Balkon des Heiligen Tempels die ersten Dankesrufe und wünschenden Gebete der Menschen.

“Siehst du jetzt?”, fragte die Schönheit. “Ich bin groß geworden. Ich bin die Schönheit! Die Größte! Sie beten mich an. Ich bin Gott!”, sagte die Schönheit strahlend vor übermütigem Glück.

Die Weisheit betrachtete ihre Schwester mit Argwohn. “Bist du dir sicher?”, meinte sie vorsichtig und leise.

“Wie kannst du nur eine so dumme Frage stellen! Du, die vermeintlich immer alles besser weiß, du, Vaters ewige Favoritin?”, antwortete die Schönheit sichtlich verärgert.

“Nein, liebstes Schwesterchen, ich habe endlich gewonnen! Schau sie dir doch an! Sieh doch ihre Kostüme, ihre Schminke, ihre Bilder! Siehst du sie, in sich selbst? Sie wollen so sein wie ich, sie wollen ein Teil von mir werden! Das ist mein großer, später Triumph!

“Gut, liebe Schwester”, sagte die Weisheit bestimmt. “Ich habe verstanden. Du hast also gewonnen. Ich ziehe mich zurück, du brauchst mich nicht mehr.”

Die Weisheit atmete tief und sammelte alles von sich in sich mit diesem Atemzug.

“Es ist spät, liebe Schwester”, sagte sie mit leiser, ernster Stimme, “Ich bin müde und lege mich zur Ruhe. Gute Nacht, Schwester, schlaf gut. Und bitte vergiss nicht, dass ich dich liebe. Genau wie Vater das tut. Du brauchst niemandem etwas beweisen. Aber sei‘s drum. Gute Nacht, Schwester”, meinte sie und hauchte der Schönheit einen Kuss auf die Wange, so schnell, dass die Schönheit ihn nicht abzuwehren vermochte und schwebte leise und schnell davon.

(am nächsten Morgen)

“Schwester, oh Schwester, wo bist du? Komm schnell, ich brauche deine Hilfe!”, schrie die Schönheit durch die weiten, leeren Gänge des Heiligen Tempels und weckte mit ihrer hellen, aufgeregten Stimme die noch schlafende Weisheit. “Es ist etwas ganz Schreckliches geschehen!”

“Guten Morgen, geliebte Schwester, nun beruhige dich doch”, antwortete die Weisheit und wischte den Schlaf aus ihren schönen, ruhigen und gütigen Augen. “Was ist denn geschehen?”

“Die Menschen!”, schluchzte die Schönheit mit Tränen in ihren Augen, “komm, schnell, sie reißen alles nieder! Sie zerstören alles, die Statuen, die Gemälde, die Häuser, sie verbrennen die Bücher, die Gedichte, die Paläste, sie zerreisen sich, morden, vergewaltigen und bekriegen einander! All meine gestrige Macht ist dahin! Hilf mir, oh Schwester! Bitte, komm und schau sie dir an!”

“So schnell?”, fragte die Weisheit und mit schnellem Gang schritten die beiden Geschwister auf den Balkon des Heiligen Tempels, von dem man die Menschen so vortrefflich beobachten konnte.

“Tatsächlich”, sagte die Weisheit. Jetzt hellwach und aufmerksam zeigte sie ihren eigenen, tiefen und starken Glanz in ihren wissenden Augen. “Die Menschen zerstören ihre Welt in ihrem eigenen Wahn.”

“Jetzt hör mal genau zu, liebe Schwester”, sagte sie mit scharfer, schnittiger Stimme, ergriff die Schönheit mit festem Griff an deren Schultern und schaute mit hartem Blick in die großen gütigen Augen ihrer Schwester.

“Warum tun sie das?”, fragte die Schönheit schluchzend.

“Vielleicht brauchen sie mich genauso wie dich”, erwiderte die Weisheit. “Sie sehen dich, dein Funkeln und deinen Glanz, dein Strahlen und deinen Adel. Sie glauben an dich, Schwester.

Und nur wenige unter ihnen wissen über mich. Aber dennoch bin auch ich unter ihnen und wirke, still und leise, fast unsichtbar.

Manche von uns müssen eben nicht strahlen und Funken sprühen und ständig allen sichtbar sein. Dennoch aber werden wir gebraucht”, sagte die Weisheit und gab sich selbst mit einem tiefem, himmlischem Blick wieder zurück unter die rasenden Menschen.

“Morgen wird alles vorbei sein, alles wird so sein wie vorher. Sorge Dich nicht, liebe Schwester. Schau, so ist es nun mal:

Wenn Du Gott bist, dann bin ich das Auge mit dem sie Dich sehen können.

Dich gibt es nicht ohne mich. Und umgekehrt! Das ist Vaters Wille. Wir sind einander Bedingung, und nur gemeinsam können wir den Menschen wahres Glück bringen.”

“Bitte lerne etwas hieraus. Unterschätze die Leisen nicht. Denn sie wirken und strahlen wie Du, wenn auch nur wenige sie sehen können.”

“Danke, liebste Schwester”, sagte die Schönheit und zeigte in ihren lebhaften Augen schon wieder die ersten Funken ihres Gebens sprühen.

“Nun gehe zu Vater”, sagte die Weisheit, “er wartet auf dich. Er wird dich belohnen, denn du hast viel Gutes für die Menschen getan”. In ihren Augen glänzte der seltene, wertvolle, tiefe Glanz der Wissenden.

“Wir werden in Kürze Gäste empfangen. Ich habe da etwas von einem hübschen jungen Mann namens Wille gehört…”, sagte die Weisheit lachend und sah die Schönheit mit leichten Schritten und voller Leben zu den Gemächern ihres Vaters schweben.

Sie, die alles schon wusste. Die jedoch so wenige kannten.

“Schau, sie vertragen sich wieder, endlich!”, sagte die stolze, edle und gutmütige Frau, die anmutig lächelnd an der Seite ihres Gatten stand, in einem der obersten Stockwerke des Heiligen Tempels der Unendlichkeit. Die Frau, die zärtlich ihre Hand in die ihres Gatten legte. Die Mutter der beiden Geschwister.

“Gut”, antwortete ihr Mann, der den Namen seiner Gemahlin sprach. “Sehr gut, Liebe.”

Der Morgen des Herrn L.

Das Geräusch des Weckers war unangenehm. Schlaftrunken stolperte Herr L. hinüber zu seinem Nachttisch und stellte den Wecker ab. Herr L., der in seinem Leben versagende, hatte einen schlechten Schlaf gehabt, die Alpträume waren wieder einmal da. Aber daran war Herr L. selbst schuld, das konnte er nicht leugnen.

Langsam, ohne Kraft, zog Herr L. den Rolladen seines Schlafzimmerfensters hoch. Es war dunkel. Kein Wunder, es war November und erst sieben Uhr, der Tag noch im Kommen. Herr L. fühlte sich nicht wohl. Hatte er am Abend zuvor schon wieder so viel getrunken? Eine gewisse Spannung in seinem Kopf ließ dies befürchten. Nicht, daß es Herrn L. viel ausgemacht hätte, denn sein Leben hatte ohnehin keinen Sinn mehr.

Herr L. warf einen kurzen Blick auf seine Gemahlin, gute Frau, treue Frau, unersetzbare Frau. Herr L. verstand die Frauen nicht, hatte er doch versagt, und trotzdem lag seine so friedlich im Bett. Was sie wohl Träumen mochte? Herr L. glaubte nicht, daß seine Gemahlin verstanden hatte, wie schwerwiegend sein Versagen gewesen war. Sonst wäre das Bett leer gewesen, so wie er es eigentlich verdient hätte.

Herr L. begab sich in die Küche, wo er sich schnellstens eine Zigarette anzündete. Natürlich wußte er, daß das Rauchen ihn noch eines Tages umbringen würde. Doch angesichts der Umstände war diese Erkenntnis geradezu willkommen. Beinahe fröhlich zog Herr L. an dem rauchenden Stengel, dessen Gift in ihn strömte. Herrn L. wurde es übel.

Das war in letzter Zeit jeden Morgen der Fall, immer nachdem er geraucht hatte. Nahte das Ende, endlich? Herr L. mußte sich setzen. Einen Moment lang saß Herr L. am Küchentisch, der nicht seiner war. Nichts war seins, nicht der Stuhl, nicht die Teller, nicht einmal die Tasse, aus der er bald seinen schwarzen Kaffee trinken würde. Nichts. Sogar das Wasser, das er in einen alten Topf füllte, – der Gedanke an einen starken Kaffee gab ihm etwas Kraft – wurde von anderen bezahlt.

Herr L. setzte den Topf auf den Herd, machte Feuer, und begab sich ins Bad, um sich zu waschen. Er wusch, wie jeden Morgen, sein Gesicht und sah in den Spiegel. Diesen Augenblick eines jeden Tages haßte Herr L. besonders.

Er sah sich an. Ja, er war alt geworden, grau, das Gesicht eingefallen, müde. Er konnte sich nicht in die Augen sehen, das Versagen starrte ihn geradezu mit höhnischer Stärke an. Herr L. zwang seinen Blick vom Spiegel weg und machte sich an seine Mundhygiene. Ihm würde es wieder übel werden, wie jeden Morgen. Mußte er auch so verbissen sich die Zähne putzen? Es half nie etwas, obwohl Herr L. versuchte, den bitteren Geschmack aus seinem Munde zu verbannen, mit ungeheuerlicher Gründlichkeit. Die Minze brannte auf seiner Zunge, gab ihm Luft, doch die Frische war nur von kurzer Dauer, da fühlte er bereits den vergammelten Geschmack auf seiner Zunge. Es war der Geschmack des Versagens, seines Lebens, und er konnte tun, was er wollte, diesen Geschmack würde er Zeit seines Lebens nicht aus dem Munde bekommen, das sah er ein.

Dieser Morgen war besonders schlimm, die Gespenster der vergangenen Nacht ließen von Herrn L. nicht ab. Verzweifelt warf er einen kurzen Blick in den verdammten Spiegel, sah sich an, fluchte und steckte den ganzen Kopf unter das eiskalte Wasser. So stand er da, komischer Anblick, einige Minuten lang, ließ das kalte Wasser über seinen Kopf rinnen, als ob er die Gespenster so betäuben könnte. Sinnlos, das wußte er, dennoch bot die lähmende Wirkung der Kälte ihm eine gewisse Erleichterung.

Herr L. überlegte, wie es wohl sein möge, wenn er einfach den Abfluß versperrte, seinen Kopf in das sich füllende Waschbecken legte und aufhörte zu atmen. Wieviel Mut hat ein Versager? Herr L. sah ein, daß die vermeintliche Einfachheit dieser Tat seine Fähigkeiten bei weitem überschritt. Früher vielleicht, ja, früher hätte er den Mut dazu gehabt. Aber jetzt, nein, er war zu feige geworden.

Herr L. schloß den Wasserhahn und nahm ein Handtuch, um sich abzutrocknen. Das Tuch roch frisch, war sauber, das Scheuern auf der Haut brachte sein Blut wieder ins Strömen. Das Kaffeewasser kochte seit langem. Herr L. sah das sprudelnde Naß, die Bläschen, die munter ihren Weg in die Raumluft suchten, dachte einen kurzen Augenblick an Lebensfreude und drehte das Feuer ab. Er suchte sich den Kaffee, die Filtertüten, die Tasse, den Löffel und den Zucker zusammen und brühte das duftende Getränk.

Herr L. trank, verbrannte sich die Zunge, so eilig hatte er es, das Koffein in seinen Körper zu bekommen, es würde seine Venen öffnen, seinem Herzen ein wenig Rhythmus geben, seinem Kopf ein bißchen Klarheit. Und es würde die Gespenster schwächen, das war wichtig. Dann würde er rauchen und husten und wachwerden.

Herr L. tat genau dies, wie an jedem Morgen seit seinem Versagen, und schickte sich, sich zu anzukleiden. Etwas Graues sollte es sein, unauffällig, der Norm vollständig entsprechend. Er hatte gelernt, sich anzupassen.

Herr L. zog, inzwischen mit leicht zitternden Händen, den Anzug an, den seine Frau liebevoll gebügelt hatte. Die Hosen zu kurz, ein Fleck – den seine Frau vergeblich versucht hatte zu entfernen – auf dem Hemd, die Krawatte verschlissen und alt. Aber der Norm entsprechend, das zählte, man wollte ja nicht wieder auffallen.

Herr L. nahm die Schuhe, sie taten ihm weh, die er von einem Freund bekommen hatte, der, wie er, Versager war, und zog sie über seine geschwollenen Füße. Er würde auch heute viel in diesen Schuhen stehen müssen, in den Ämtern, in den Gängen und Zimmern der Höheren. Um vielleicht etwas zu bekommen, vielleicht. Er würde auch heute nur beschämt den Kopf hängen lassen müssen und jasagen, bereuend, anerkennend. Aber das war Herr L. schon gewohnt, er hatte erstaunlich schnell gelernt, bescheiden zu sein.

Herr L. zog sich seinen Mantel über, ging vor den Spiegel, der im Flur hing, nahm seinen Kamm und kämmte sich das Haar. Früher hatte man ihm Schönheit nachgesagt, doch das war Vergangenheit. Herr L. freute sich kurz über die Tatsache, daß heute nur ein paar Härchen am Kamm hingen, üblicherweise waren es ganze Büschel, die sein Kopf verlor.

Da war er wieder, der Augenblick des inneren Zerreißens, als er sein Ebenbild im Schein des verchromten Glases sah. Es war immer wieder schmerzlich, Erinnerungen zu haben, an früher.

Herr L. warf einen kurzen Blick auf seine Frau, die friedlich schlafend noch lag, bald würde auch sie, der er so viel zu verdanken hatte, sich dem Morgen beugen müssen. Gottes Gabe bist du, dachte Herr L., ich habe dich nicht verdient. Ein letzter Blick aus den gequälten Augen des Herrn L. streiften durch die Wohnung, die sein Zuhause nicht war, und er ging hinaus zur Wohnungstür, ging in die Trostlosigkeit seiner Welt hinein.

Herr L. zog die Tür, der Türknopf aus Stahl, angenehm kühl und rund, leise zu, mit der unerschütterlichen Erkenntnis, daß er ihn nie wieder berühren würde.

Herr L. war dreiundzwanzig.

Neues aus Absurdistan

Stellen Sie sich vor, sie haben eine Meinung. Stellen Sie sich weiter vor, sie wollen diese auch kund tun. Dann stellen sie sich ein freies Land vor, in dem ein Verfassungsartikel ihr Recht schützt, Ihre Meinung zu äußern und zu verbreiten. Dann stellen Sie sich noch ein technisches Medium vor, welches Ihnen ermöglicht, alles zu publizieren, was sie wollen.

So weit, so gut. Alles klar, denken Sie, und veröffentlichen ihren Text. Gedacht als Diskussionsanregung. Oder zum Schmunzeln. Zum Aufregen. Zum wütend sein. Zum Heulen. Oder einfach nur so. Kein Problem, sollte man meinen. Soll den Text doch lesen, wer will, und sich seine eigene Meinung bilden.

Doch halt! Haben Sie einen Arbeitgeber? Einen Geschäftspartner? Sind Sie Mitglied in einem Verein? Gar in einer Partei? Haben sie gar eine seltene, neue, eine nicht-mehrheitsfähige, streitbare oder gar radikale Position? Dann stopp! Sie können, leider, leider, Ihren Text doch nicht veröffentlichen. Oder aber wenn Sie das tun, werden Sie mit Berufsverbot bedroht, mit Ausschluß aus Ihrem Verein, oder noch schlimmer: Sie sind gleich subversiv und (rechts-)radikal.

Wir empfehlen Ihnen daher dringend, Ihren Text der Allgemeinen-Meinungs-Prüfungs-Behörde vorzulegen*, in ihrer Parteizentrale absegnen zu lassen, eine Lebensversicherung abzuschließen und unbedingt Ihrem Vorgesetzten vorzutragen. Damit sie ja nichts “unanständiges” veröffentlichen. Schließlich ist ihre Gesinnung keine Privatsache!

Ja, so ist das in Absurdistan. Warum? Weil wir für Meinung eigene Experten haben. Die werden dafür bezahlt, dass sie Meinung machen. Das ist allein deren Job. Die sind auch gesinnungsgeprüft. Und natürlich dürfen Sie als “kleiner Mann” nicht den Profis des Meinungs-Gewerbes die Show stehlen.

Die Helden der Meinungsindustrie sitzen übrigens auf beiden Seiten des Meinungs-Mach-Marktes. Das ist ein Geben und Nehmen. Industriell eben. Moralisch unantastbar, per Dekret. Beide Seiten werden außerdem von Ihrem Geld bezahlt. Die einen von den Steuern und die anderen von der Werbung.

Aber das ist ja gut so, in Absurdistan. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder frei und offen von der Seele weg seine Meinung veröffentlichen könnte? Wären dann nicht all die teuer bezahlten Meinungs-Mach-Star-Profis überflüssig? Ja, sehen Sie: Es ist einfach besser so. Jeder muss bei seiner Berufung bleiben. Vergessen Sie das mit dem Veröffentlichen. Das war nur mal so eine Idee, die man ins Gesetz schreiben musste. Damit’s nach außen besser aussieht. Und wir in den ganzen internationalen Vereinigungen mitmachen können. So richtig ernst gemeint war das aber in Absurdistan eh’ nie.

Ja, ja. Das mit der Verfassung. Die gilt in Absurdistan immer nur dann, wenn es einem Interesse dient. Wenn ein System sich nach außen bejubelt. Dann, ja dann schwören sie alle tausend Schwüre auf die heilige Verfassung. Und verleihen sich gegenseitig Preise. Aber im alltäglichen Leben? Bei Ihnen? Dem Kleinen Mann? Machen Sie Witze? Sie wollen doch weiterhin friedlich in ihrer Wohnung leben? Eben.

Ein gut gemeinter, freundlicher Tipp: Vergessen Sie das mit Ihrer Meinung. Tun Sie, was Ihnen gesagt wird. Seien Sie guter Untertan und denken Sie nicht mal daran, Bürger zu werden. Das ist nämlich unerwünscht, hier in Absurdistan.

Vertrauen Sie uns, Ihrer Meinungs-Mach-Industrie: Nur wir wissen, was gut für Sie ist. Schließlich sind wir Profis ;-)

*Höhere Öffentliche Richtigstellungs- und Informationsbegutachtungs- Gesellschaft, kurz H.Ö.R.I.G.